Walter Rogalli, Transgender

„Rogalli ist ein sehr fleißiger und williger Hausarbeiter. Er trägt am liebsten seine Haare recht lang, wie ein Mädchen und ist im Augenblick verärgert, als sie ihm zwangsweise stark gekürzt werden. Außerdem trägt er am liebsten eine Schürze, die ihm aber abgenommen wird, worüber er wiederum sehr ungehalten ist.“ So beschreibt einer der Anstaltsärzte der Wittenauer Heilstätten in seinem Bericht am 27.08.1942 seinen Patienten Walter Rogalli. Ein knappes halbes Jahr später ist Rogalli, der 10 Jahre lang den Vornamen Gerda tragen durfte, tot; er wird auf dem Klosett in der Anstalt erhängt aufgefunden.

Walter Rogalli

Walter Rogalli 1941. Quelle: Krankenakte Rogalli, Landesarchiv Berlin

Walter Rogalli wird am 17.09.1903 in Berlin geboren. Er ist ein schmächtiges Kind. Mit 3 Jahren hat er Gelbsucht und Stimmritzenkatarrh. Wegen „allgemeiner Körperschwäche“ besucht er die Volksschule nur bis zur 3. Klasse.

Schon als Schuljunge bemerken seine Mitschüler*innen seine offensichtliche feminine Veranlagung. Walter Rogalli wird von allen für ein Mädchen in der Kleidung eines Jungen gehalten. Walter selbst hat keinen Zweifel daran, dass er eigentlich ein Mädchen ist, trägt wie selbstverständlich ab und zu Kleider, nimmt am Handarbeitsunterricht teil. Auch zu Hause übernimmt er anfallende Putz- und Hausarbeiten. Als er 7 Jahre alt ist, schenkt ihm seine Großmutter eine passende Küchenschürze aus Wachstuch.

Im Alter von 10 Jahren entwickeln sich bei Walter die ersten sexuellen Gefühle, er onaniert täglich mehrmals, am liebsten beim Tragen seiner Wachstuchschürze und entwickelt im Laufe der Jahre einen sexuellen Fetisch für Wachstuch, in das er sich nachts im Bett heimlich einschnürt.
Mit 13 habe er bei sich, „Brustlaufen“ festgestellt. Seine Mutter, Alice Rogalli, geb. Borchardt, habe das nie wahrhaben wollen, aber der Arzt habe ihm damals eine Salbe zur Linderung verordnet. Alice Rogalli – er spricht von ihr als „Rabenmutter“ – habe von Anfang an kein Verständnis für die Weiblichkeit ihres Sohnes gehabt.
Nach der Schule beginnt Walter Rogalli zunächst eine dreijährige Zeichenlehre beim Patentamt. Im Alter von 18 Jahren ist er in einem Betrieb als Zeichner tätig.  In der Firma trägt er Männerkleidung, doch die Kollegen machen sich über seine feminine Art lustig, verhöhnen ihn und rufen ihm „Na, Puppe!“ hinterher. Walter Rogalli wird wegen des Unfriedens entlassen – die Firma gibt „Arbeitsmangel“ als Begründung an.

Überall wird er für einen homosexuellen Transvestiten gehalten. In einem späteren Polizeiverhör gibt es zu Protokoll: „Weil ich von den Frauen nichts wissen will, denken die meisten Leute, dass ich anders veranlagt bin, was bei mir bestimmt nicht der Fall ist. …Eigentlich liebe ich mich selbst und zwar als Frau.  In Männerkleidung habe ich das Gefühl der Unfreiheit.“

Ab 1923 trägt Walter Rogalli ausschließlich Frauenkleidung, wird deshalb aus dem Elternhaus in Lichtenrade verstoßen. Rogalli ist ohne festen Wohnsitz, schlägt sich als Frau mit Gelegenheitsarbeit durch, zunächst als Deckenmalerin. 1925 bis 1927 als Präsentationsdame im Zirkus bei einem Trapezakt.

1926 beantragt Walter die Änderung seines Vornamens in Käthe und die Genehmigung zum Tragen von Frauenkleidern in der Öffentlichkeit. 1928 stimmt das Justizministerium zu, statt Käthe wird aber nur Gerda genehmigt.

Trotz ständiger Bemühungen findet Gerda Rogalli keine feste Arbeit, hat kaum Geld. Es bleibt ihr nur die städtische Obdachlosenunterkunft. Hier lernt sie Ende der 1920er Jahre eine junge Frau kennen (ihr Name ist unbekannt).  Die feste Beziehung zu dem weiblichen Mann in Frauenkleidern scheint die neue Freundin zu faszinieren. Im gemeinsamen Schlafzimmer übernimmt Gerda die Rolle eines Mannes und praktiziert „normalen“ Geschlechtsverkehr.  Als die Freundin, die bereits zwei Kinder hat, 1929 schwanger wird, heiraten beide. Gerda ist begeistert über den zu erwartenden Nachwuchs und zieht sich heimlich öfter mal ein Schwangerschaftskorsett an. Wenig später kommen Zwillinge zur Welt, Gerda liebt die beiden Jungen über alles. Im gleichen Jahr findet sie eine neue Anstellung und eine Wohnung für die Familie in Berlin-Kreuzberg, Liegnitzer Straße 29.

Doch im Laufe der 9 Jahre andauernden Ehe wird Gerda Rogalli von ihrer Ehefrau zunehmend mit anderen Männern betrogen. Während ihrer zahlreichen Affären behandelt sie Gerda immer herablassender, demütigender: „Du bist Dreck, ich werde dich in den Müllkasten werfen“. Gerda ist keinesfalls beleidigt, findet vielmehr Gefallen an dem Sadismus der Ehefrau. Und so schleichen sich die beiden Frauen während der Dunkelheit zum Müllkasten im Hof des Hauses. Gerda legt sich nackt hinein und lässt den kompletten Wohnungsmüll über sich ausschütten. Die Prozedur bereitet ihr erotische Gefühle.  Gerda gefällt sich als Masochistin, lässt sich vor dem Zubettgehen regelmäßig fesseln und verbringt die Nächte nackt und völlig eingeschnürt in einer Plastikdecke im Ehebett oder übernachtet im Müllkasten. Geschlechtsverkehr haben sie nicht mehr miteinander; Gerda war in dieser Männerrolle stets unbefriedigt geblieben, „weil dies nach meiner Veranlagung nicht der richtige Verkehr war.“

1936 wird Gerda von der Polizei festgenommen und in Männerkleidung gesteckt. Die Beamten schneiden ihre langen Haare ab und entfernen alle Utensilien. Leute wie sie seien „Unrat, der auf den Misthaufen gehört“. Rogalli darf den Frauennamen nicht mehr tragen, die Genehmigung wird eingezogen. Gegen die Auflage, in der Öffentlichkeit nur noch als Mann aufzutreten, wird er entlassen, bei Verstoß drohen die Gestapobeamten mit polizeilichen Maßnahmen. Rogalli erleidet einen Nervenzusammenbruch..

Da die Ehefrau von ihrem Mann in Männerkleidung nichts mehr von ihm wissen will und ihn zudem denunziert haben soll, reicht Rogalli die Scheidung ein. 1938 werden beide nach 9 Jahren Ehe schuldig geschieden, Rogalli wegen ihrer weiblichen Veranlagung, die Ehefrau wegen mehrfachen Ehebruchs. Das Sorgerecht für die Zwillinge bekommt Rogalli zugesprochen. Er gibt die Kinder zu seinen Eltern, Uhlandstraße 46, Berlin-Lichtenrade.

Am 25. Mai 1937 wird Rogalli erneut in Frauenkleidern erwischt, von der Gestapo in Schutzhaft genommen und per Sammeltransport in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Die genauen Einzelheiten es Vorgangs sind unbekannt. Er glaubt, seine ehemalige Ehefrau habe ihm „eine Falle gestellt.“

Karikatur, handschriftlicher
Brief an die
Staatsanwaltschaft

In die Justizakte Rogalli ist diese vermutlich aus einer Zeitung 1938 ausgeschnittene Karikatur kommentarlos eingeheftet. Quelle: Landesarchiv Berlin

Als Rogalli Ende März 1938 aus Sachsenhausen entlassen wird, bemüht er sich vergeblich um Arbeit, ist auf Wohlfahrtsunterstützung von 14,15 RM angewiesen. In der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Kreuzberg sind ihm wenige seiner Habseligkeiten geblieben, die Ehefrau habe beim Auszug „alles verbrannt.“

Für den Anspruch auf staatliche Unterstützung wird Rogalli zur „Pflichtarbeit“ beim Gartenamt Kreuzberg eingeteilt. Es ist körperlich schwere „Schmutzarbeit“. Er muss Komposthaufen aus altem Gerümpel anlegen, Schottersteine karren und wird auch hier täglich wegen seiner femininen Art von den männlichen Kollegen verspottet und gedemütigt: „Leute, wie er, sollten wie der Müll behandelt und verbrannt werden“. Rogalli fühlt sich wert- und nutzlos, „von der Welt verstoßen“. Zum „seelischen Ausgleich“ steigt er nachts zum Schlafen in die Mülltonne. Auf das Fesseln verzichtet er aus Angst, im erregten Zustand Selbstmord begehen zu können.

Im Juli 1938 wird er von Nachbarn schlafend und nackt im Müllkasten entdeckt. Rogalli will sich entschuldigen, die Nachbarn bitten, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch es wird Anzeige erstattet. Kriminaloberassistent Schramm, Kriminalinspektion II 1 ermittelt wegen öffentlicher Belästigung. Am 15. Juli 1938 wird Rogalli in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit eingeliefert. Die Verhandlung findet noch am gleichen Tag am Amtsgericht Berlin statt.

Doch der vorsitzende Richter weist den Vorgang an die Staatsanwaltschaft zurück, da der Angeklagte zunächst auf seinen Geisteszustand untersucht werden soll. Rogalli wird bis September des Jahres in Haft behalten. Am 09.09.1938 bescheinigt der Gerichtsarzt, Regierungsmedizinalrat Dr. med. Frommer, Facharzt für Psychiatrie, zwar eine „Anomalie des Geschlechtstriebs“, doch der Patient sei „sicherlich kein gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher im Sinne der einschlägigen Bestimmungen des Strafgesetzbuches.“ Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer verurteilt Rogalli wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses nach § 183 StGB am 02. November 1938 vor dem Schöffengericht Berlin zu 2 Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft.

Rogallis Versuch, gegen das harte Urteil Berufung einzulegen, scheitert. So wird er am 25. November 1938 in das Strafgefängnis Berlin-Tegel überführt, anschließend in das Zuchthaus Amberg in der Oberpfalz verlegt, dann in das Gefangenenlager nach Straubing, in das Gefängnis Nürnberg und schließlich in das Gefängnis und Arbeitshaus St. Georgen in Bayreuth, aus dem er am 21. September 1940 nach Hause entlassen wird.

Während der Haft stellt Rogalli 3 Gnadengesuche. Alle werden von der Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin abgelehnt.

 

Klinik in Wittenauer Heilstätten

In den 1920er Jahren wurde die 1880 als „Irren- und Idiotenanstalt Berlin zu Dalldorf“ gegründete Klinik in Wittenauer Heilstätten umbenannt. Mit den hier in der NS-Zeit begangenen Medizinverbrechen befasst sich heute die Dauerausstellung „totgeschwiegen – 1933 bis 1945“, die in der Oranienburger Straße 285, Haus 10, Berlin Reinickendorf, zu sehen ist. Foto: Privat

Im Juni 1941 ist Rogalli ist in die Hagelberger Straße 21, Berlin-Kreuzberg, umgezogen und hat eine Anstellung als Mechaniker bei der Firma Barthel im Berliner Hansaviertel gefunden. Er wird erneut von den Nachbarn im Müllkasten entdeckt, angezeigt und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (§ 183 StGB) festgenommen.

Während der mehrmonatigen Untersuchungshaft erstellt Dr. Walter Wittenburg, Leiter der Kriminalbiologischen Sammelstelle der Untersuchungshaftanstalt Lehrter Straße, am 14. Juli 1941 ein medizinisches Gutachten, das Rogalli als „willensschwachen, sensitiven Psychopathen“ beschreibt. Landgerichtsdirektor Dr. Razat ordnet deshalb in seinem Urteil am 06. Oktober 1941 vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Berlin die Unterbringung Rogallis in einer Heil- und Pflegeanstalt an. Die dreimonatige Gefängnisstrafe für die Erregung öffentlichen Ärgernisses ist bereits durch die erlittene U-Haft verbüßt.

Gutachten der Wittenauer Heilstätten

Gutachten der Wittenauer Heilstätten (Ausschnitt) kurz vor seinem Tod 1943. Quelle: Krankenakte Rogalli, Landesarchiv Berlin

Am 10. November 1941 wird Rogalli in die Heilstätten Berlin-Wittenau überführt. Einen Monat später ist er wegen einer Scharlacherkrankung im Berliner Krankenhaus am Urban in Behandlung. Bei der Rückführung nach Wittenau attestiert Stationsarzt Lübbars am 13. Januar 1942: „In gutem Zustand entlassen. Äußeres feminin. Sonst sehr freundlich, liebenswürdig, hilfsbereit.“

Im Juli 1942 erstellt Dr. med. Marie Kalau vom Hofe, Leiterin der Abteilung für kriminalpsychologische Forschung und forensische Psychiatrie am 1937 gegründeten „Göring-Institut“ (Deutsches Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie) ein weiteres Gutachten über Rogalli: „Es hat keinen Sinn, an einem derartig festgefahrenen Fall die psychotherapeutische Heilmethode zu probieren, während andere aussichtsreichere Fälle auf eine Behandlung warten müssen.“

Am 12. April1 1943 wird Walter Rogalli erhängt im Klosett der Heilanstalt aufgefunden. Die Leitung der Anstalt glaubt an einen „Unglücksfall bei einer masochistischen Handlung, da der Patient nie Selbstmordabsichten geäußert hat und auch in letzter Zeit in keiner Weise bedrückt oder depressiv verstimmt war.“

 

Tex: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 116723 Strafakte Rogalli wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (AZ: 1 Unz Ms 98/38)
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 19328, Strafakte Rogalli wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (AZ: Unz KMs 1/41)
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 143173 Selbstmord, Einweisung Heil- und Pflegeanstalt (AZ: 70 AR 2135/43)
Landesarchiv Berlin A Rep. 003-04-04 Nr. 8552 Krankenakte Rogalli