Rudolf Knoll, genannt Ruth, Damenfriseur

Ruth war in sich selbst verliebt. Oft saß sie in ihrem weißen Seidenkleid vor dem Spiegel und hatte ihre Lebensträume, ihre sexuellen Erlebnisse. Eines Tages schenkte ihr ein Freund ein großes Ölgemälde mit ihrem Porträt als Frauenschönheit. Dann gingen sie tanzen auf die Maskenbälle und Transvestitenshows jener Zeit, Anfang der dreißiger Jahre. Den heimlichen Namen Ruth hatte sie schon lange vorher angenommen.

Rudolf Knoll

Rudolf Knoll, gen. Ruth, Foto privat LAB A Rep. 358-02, Nr. 33189

Rudolf Knoll wurde am 24.10.1907 in Reichenbach im Vogtland geboren. Nach der Volksschule ging er in die Fabrik arbeiten, für eine Lehre hatten die Eltern kein Geld. Mit 24 Jahren, 1931, ging er nach Berlin, um in der Großstadt ein neues Leben anzufangen. Schon als Kind hatte sich der Junge wie ein Mädchen gefühlt, mit Puppen gespielt statt mit Soldaten, hatte die Verachtung der Leute ertragen müssen. In Berlin wagte er sich in Frauenkleidern in die Öffentlichkeit.

Sexuell war Rudolf/Ruth den Männern zugewandt, aber meist waren es nur kurzzeitige Erlebnisse im Tiergarten oder anderen Parks, in denen Homosexuelle und Stricher unterwegs waren. Nur selten ging er/sie mal ins Moka Efti in der Leipziger Straße oder in ein Hotel. Als Friseurgehilfe verdiente er/sie nur 22,-RM die Woche. Durch das weibliche Äußere kam es auch zu Verwechselungen, wenn er/sie sich als Mann erwies und brutal abserviert wurde.

Nach der Ermordung Röhms und der für alle fühlbaren öffentlichen Diskriminierung und Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich änderte sich auch Rudolfs/Ruths Lebenssituation brüsk. Auf der Straße im Kleid, war sie/er wieder der verachtenden Grobheit der Nachbarn und Passanten aus der vermeintlich normalen Bevölkerung ausgesetzt. Einmal rettete ihn ein Mann vor dem Schlimmsten, Artur Schneider, geb. am 09.01.1902 in Wallisellen/Schweiz. Aus Dankbarkeit nahm Rudolf/Ruth den gerade arbeitslosen und obdachlosen Artur bei sich auf. Sie kannten sich von früher, als Artur noch als Stricher unterwegs war, und bewohnten nun zusammen ein Zimmer in Berlin-Mitte, Landsberger Straße 89, bei Krüger.

Im März 1938 sucht das Homosexuellendezernat II S 1 beim Geheimen Staatspolizeiamt in der Sondersache X nach dem Stricher "Schwyzer Seppl". Die Beamten stoßen dabei auf den in der Schweiz gebürtigen Artur Schneider. Der Stein kommt ins Rollen und erfasst auch Rudolf Knoll gen. Ruth. Bei einer Hausdurchsuchung wird seine Damenkleidung gefunden. Beide Männer werden festgenommen und verhört. Artur Schneider kommt frei, weil ihm in "nicht rechtsverjährter Zeit" keine Straftat nach § 175 oder 175 a 4 StGB nachgewiesen werden kann. Rudolf Knoll berichtet von seinem schwierigen Leben als homosexueller Transvestit und legt damit ein juristisch verwertbares Geständnis ab. Kriminalinspektor Friedrich Fehling, geb. 9.9.1882 in Strausfurth, verst. 1945, entlässt ihn zwar vorübergehend mit der Weisung, sich wöchentlich zweimal auf der Dienststelle zu melden und jede Wohnungsveränderung sofort zur Kenntnis zu bringen, überweist den Fall aber am 05.04.1938 an den Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin. Die Damenunterwäsche, die Puderschachtel, der Pomadenstift und die Fotos werden einbehalten. Das beschlagnahmte Geld von 266, 95 RM erhält Rudolf Knoll zurück. Er zieht in eine eigene Wohnung in Berlin-Horst Wessel-Stadt (eigentlich Friedrichshain), Palisadenstraße 91 und kauft sich solide Männerkleidung, einen Anzug, einen Mantel und Schuhe, so dass er später als arm gilt und die anfallenden Gerichtskosten nicht zu zahlen braucht.

Das folgende Gerichtsverfahren läuft schnell ab. Schon am 11.04. 1938 schreibt StA Dr. Walter Sorgatz, geb. 29.6.1902 in Halle, die Anklage gegen Rudolf Knoll als homosexueller Transvestit. Ein Rechtsanwalt steht dem Beschuldigten nicht zur Seite. In der Hauptverhandlung beim AG 603 am 25.05.1938 gesteht Knoll erneut: "Ich bin homosexuell veranlagt und ich gebe zu, mich im Sinn des Eröffnungsbeschlusses schuldig gemacht zu haben", Zeugen werden nicht gehört. Knoll wird zu 1 Jahr und 6 Monaten Gefängnis verurteilt und nach Haftbefehl sofort in das Gefängnis Tegel überwiesen.

Hausdurchsuchungsbericht bei Schneider und Knoll

Hausdurchsuchungsbericht bei Schneider und Knoll

Dokument: Geheimes Staatspolizeiamt, II S 1, Durchsuchungsbericht vom 09.03.1938 zur Hausdurchsuchung bei Schneider und Knoll in der Landsberger Str. 89. Die Durchsuchung wurde von KS Jaensch und KOA Nischik vorgenommen, anwesend war der Wohnungsvermieter Krüger. Beschlagnahmt wurden zwei Damenschlüpfer, ein Damenhemd, eine Schachtel mit Puder, ein graubrauner Pomadenstift, fünf Lichtbilder. Das beschlagnahmte Geld von 266, 95 RM wurde Rudolf Knoll am gleichen Tag gegen Quittung ausgehändigt. LAB A Rep. 358-02, Nr. 33189

Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer, geb. am 24.01.1884 in Loslau/OS, heute Polen, kann in der Urteilsbegründung seine ganze Verachtung ausleben, die er Homosexuellen entgegenbringt, und schon gar wenn sie weibliche Züge haben.: "Straferschwerend war dagegen in Rechnung zu stellen, dass der Angeklagte seit etwa 8 Jahren sich als Transvestit und Homosexueller in Berlin betätigte, keinerlei sachgemäße Arbeit bisher ausübte und dass er seinen homosexuellen Umgang mit zahlreichen Partnern noch nach der Röhmaffäre bis in den März 1938 fortgesetzt hat. Es schien unter Abwägung dieser Umstände eine erhebliche Strafe erforderlich. Hierbei war auch zu berücksichtigen, dass der Angeklagte der Typ des Homosexuellen ist, der ein völlig weibisches Benehmen an den Tag legt und nach seiner eigenen Angabe Ruth genannt wird und nur durch eine erhebliche Freiheitsstrafe, die am besten in einem strengen Arbeitslager vollstreckt wird, eventuell auf den rechten Weg zurückgebracht werden kann. Unter Abwägung dieser Umstände erachtete das Gericht die erkannte Strafe von einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis erforderlich."

Rudolf Knoll, gen. Ruth verbüßte die Strafe ab 09.09.1938 in den Strafgefangenenlagern Zweibrücken, Dieburg und Rodgau. Am 25.11.1939 wurde er nach Berlin entlassen. Sein/ihr weiterer Lebensweg ist bisher unbekannt.

Text: Carola Gerlach

Quellen

LAB A Rep. 358-02, Nr. 33189, 81 Ms 26/38 ./. Rudolf Knoll wegen § 175 StGB