Heinz Karl K., Transgender

„Wenn ich gefragt werde, ob ich gegen diese Veranlagung ankämpfen kann und mich beherrschen kann, dieses nicht mehr zu tun, so muss ich darauf sagen, dass mir

dieses beim besten Willen nicht möglich ist. Ich bin eben so geboren worden. An eine weibliche Person kann ich mich nie gewöhnen. Ich könnte evtl. höchstens den gleichgeschlechtlichen Verkehr mit anderen männlichen Personen unterlassen, müsste mich dann aber selbst befriedigen“ (Heinz K. im Polizeiverhör Dezember1940).

1921 in Berlin-Gesundbrunnen geboren, spielt Heinz K. bereits als Kind lieber mit den Puppen seiner 3 Jahre jüngeren Schwester Hertha, als mit den Spielsachen, die seine Eltern Gustav und Michalina für ihren Sohn vorgesehen haben. Verwundert beobachten sie den Sechsjährigen bei seiner liebsten Betätigung, dem Spitzentanz, den Heinz vorzüglich und ohne große körperliche Anstrengung beherrscht. Beim gemeinsamen Spiel mit den Nachbarskindern übernimmt er stets die weibliche Rolle. Frühzeitig beginnt Heinz, sich wie eine Frau zu pflegen, zu schminken und zu pudern. Durch sein besonderes Erscheinungsbild und seine feminine Art erfreut er sich vor allem bei älteren Damen besonderer Beliebtheit.

Sein Vater Gustav ist über all dies entsetzt, will sich seinen Sohn „anständig vornehmen“. Doch mit Rücksicht auf seine zuckerkranke Ehefrau, die sich schützend vor ihr Kind stellt und ihrem verständnislosen Mann „größten Ärger und Krach“ androht, lässt er zunächst davon ab. Als Heinz 12 Jahre alt ist, dringt der Vater auf eine ärztliche Untersuchung. Dort soll festgestellt worden sein, so ein späterer Bericht des Bezirksjugendamtes Berlin-Wedding, „dass der Minderjährige körperlich nicht einheitlich gebaut ist (Oberkörper männlich, Unterkörper weiblich).“ Unterlagen dieser Untersuchung gibt es nicht.

Das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn verschlimmert sich zusehends, als Heinz im Alter von 14 Jahren die ersten Gefühle für andere Jungen entdeckt. Doch er unterdrückt seine Lust: „Ich hätte wohl auch schon in diesem Alter gleichgeschlechtlich veranlagten Anhang gefunden hatte aber noch zu große Angst, mich mit solchen Jungs oder Männern abzugeben.“ Heinz kann die eigenen Gefühle und Neigungen sowie die Verständnislosigkeit seines Vaters nicht verarbeiten. Im Mai 1937 versucht er sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufzuritzen und durch einen Sprung von einer Brücke in die Spree, das Leben zu nehmen. Er wird gerettet.

Ohne Berufsausbildung verdient sich Heinz K. etwas Geld mit Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten und wohnt weiter bei seinen Eltern. Es kommt zum Eklat, als Gustav K. im Frühsommer 1938 seinen Sohn mit dem 11 Jahre älteren Kurt Triebel erwischt: „Der Eisenbahner war gerade fast fertig mit dem Anziehen, während mein Sohn noch in der Unterhose auf dem Chaiselongue lag. Ich habe daraufhin meinen Sohn ordentlich verprügelt.“

Nach der Trennung von Triebel hat Heinz K. eine weitere Beziehung, die nach Differenzen der beiden Freunde Silvester 1939 endet.

Pfingsten 1940 verliebt sich Heinz K. am Stammtisch seines Lieblingslokals „Zum Doktorlein“ in der Brunnenstraße 105 Ecke Ramlerstraße, Berlin-Gesundbrunnen, in den Unteroffizier Rudi Wolter (Lebensdaten sind unbekannt), dessen Infanterie-Ersatzbataillon in Küstrin-Neustadt (heute Polen) stationiert ist. Sie fühlen sich wie Verlobte. Als die Beziehung Ende Juli 1940 zerbricht und das Bataillon nach Ostpreußen verlegt wird, unternimmt der unglückliche Heinz einen erneuten Selbstmordversuch mit einem rostigen Reißnagel. Auch dieser Suizidversuch scheitert.

Heinz K.

Heinz K. am 24.08.1940 über seinen Selbstmordversucht nach der Trennung von Rudi Wolter. Landesarchiv Berlin, Justizakte Heinz K.

Der Selbstmordversuch wird zum Versicherungsfall, Heinz K. muss seiner Krankenkasse die sich selbst beigebrachten Wunden erklären. Wahrheitsgemäß erzählt er von seinem unglücklich beendeten Liebesverhältnis zu Unteroffizier Wolter.  Die Leistungsabteilung der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin in der Rungestraße 3-6, Berlin-Mitte, informiert Ende August 1940 die Berliner Staatsanwaltschaft mit der Bitte „zu prüfen, ob eine strafbare Handlung im Sinne des § 175 StGB vorliegt.“ Das Homosexuellendezernat C 4 a der Gestapo wird in Kenntnis gesetzt, übergibt den Fall jedoch an die Kriminalinspektion Mitte II 6. Dort übernimmt der in der Verfolgung von Homosexuellen erfahrenen Kriminalangestellte Günter Rudnitzki.

Im Verhör legt Heinz K. ein umfassendes Geständnis ab, nennt die Namen und Adressen seiner homosexuellen Partner. Aus dem Reichsarbeitsdienst, in den er von August bis Ende Oktober 1940 einberufen worden war, sei er entlassen worden, weil er dort bei der Aufnahme seine homosexuelle Veranlagung angegeben habe. Nach kurzem Aufenthalt bei seinen Eltern habe er dann Ende November 1940 mehre Tage bei einem Freund übernachtet, dort einen uniformierten Polizisten kennengelernt und mit ihm sexuellen Kontakt gehabt. Am gleichen Tag wird Heinz K. in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Berlin-Mitte eingeliefert und dem Vernehmungsrichter vorgeführt. Gegen die von K. angegebenen Partner Kurt Treibel und Willi Meyer, Unteroffizier Rudi Wolter und den unbekannten Polizeibeamten finden gesonderte Ermittlungen statt. Die namentlich Bekannten müssen als Zeugen gegen Heinz K. aussagen.

Heinz K. wird am 04.12.1940 in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überführt. Wenige Tage darauf weist der Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin die Leitung des Untersuchungsgefängnisses an, „geeignete Maßnahmen zu treffen, die einen Selbstmord oder eine Flucht des K. unmöglich machen.“

Am 13.12.1940 schreibt der verzweifelte Heinz K. einen Brief „An das Gericht“ mit der Bitte, ihn wegen seiner schwer kranken Mutter möglichst noch vor Weihnachten zu entlassen: „Ich kann doch nichts für meine Veranlagung. Es ist doch von Geburt an. Wie mir mein Vater erzählte, haben sie es ärztlich festgestellt. Glauben Sie mir bitte, dass ich darüber sehr unglücklich bin.“ Wenn nicht anders möglich, sei er auch mit einer Entmannung einverstanden, „dass ich endlich von diesem Laster befreit werde.“ Seine Bitte wird am 04.01.1941 zurückgewiesen, ebenso wie der Antrag um Beiordnung eines Offizialverteidigers wegen Mittellosigkeit, weil, so die Begründung „vom Gesetz nicht vorgeschrieben und die Sachlage eine Beiordnung nicht notwendig erscheinen lässt.“

Entlassungsmitteilung

Entlassungsmitteilung des Jugendgefängnisses Hoheneck mit dem Rücksistierungsvermerk nach Strafverbüßung. Landesarchiv Berlin, Justizakte Heinz K.

Am 06.03.1941 findet die Hauptverhandlung vor der 8.Strafkammer des Landgerichts Berlin statt. Heinz K. wird zu einer Gesamtstrafe von 9 Monaten Gefängnis mit Anrechnung von 3 Monaten Untersuchungshaft verurteilt. Er verbüßt seine Strafe in den Jugendgefängnissen Naugard in Pommern (heute Polen) und Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge. Sein Vater Gustav scheitert mit einem Gnadengesuch für seinen Sohn. Am 06.09.1941 wird K. aus Hoheneck entlassen und per Sammeltransport in das Polizeigefängnis Berlin überstellt.

Aus der Pflegschaftsakte Heinz K. geht hervor, dass er die polizeiliche Rücksistierung nach Strafverbüßung überlebt und geheiratet hat. Laut Aussage der Ehefrau vom 24.06.1946 bei der Rechtsantragsstelle Berlin-Mitte war K. bis Kriegsende Soldat und gilt als vermisst. Bei dem letzten persönlichen Treffen sei es zwischen den Eheleuten zu einem Streit gekommen. K. habe danach persönliche Sachen aus der gemeinsamen Wohnung geholt und sei zu einer anderen Frau gezogen, die nun die Rückgabe verweigere. Zur gerichtlichen Durchsetzung der Ansprüche der Ehefrau wird ein Abwesenheitspfleger für den Vermissten eingesetzt.

Im März 1949 hebt Heinz K. seine Pflegschaft persönlich auf, er ist aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt.

 

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin, A Rep. 358-02 Nr. 121506, Justizakte Heinz K. „wegen widernatürlicher Unzucht“
Landesarchiv Berlin, A Rep. 341-05 Nr. 10873 Pflegschaftsakte Heinz K.