Gustav Halle, Konditor

Gustav Halle, geb. 06.02.1901 in Berlin, am 10.10.1939 im Verhör des Homosexuellendezernats der Staatspolizeileitstelle Berlin C 3: „Ich bin nicht homosexuell veranlagt, gebe aber zu, dass ich bis zum Jahre 1932 Frauenkleider getragen habe...Ich habe mich besonders in Tanzlokalen gezeigt und fühlte mich als Frau wohl.“

Gustav Halle

Gustav Halle in Frauenkleidern. Postkarte, undatiert; Quelle: Landesarchiv Berlin, Polizeiakte Gustav Halle

Halle war 3 Tage vor dem Verhör bei einer Razzia in der Homosexuellenkneipe „Zum Bären“, Linienstraße 213 Ecke Gormannstraße, in Berlin-Mitte aufgegriffen und in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz eingeliefert worden. Im Lokal „Zum Bären“, sei er nur gewesen, um sich genügend Zigaretten für den nächsten Tag (Sonntag) zu holen, beteuert er im Verhör des Homosexuellendezernats. Doch Kriminaloberassistent Trappe ist misstrauisch, denn Gustav Halle ist seit 1926 in den Akten der Polizei als Transvestit notiert.

1926 war Halle als Konditor beschäftigt. Seit 1922, nach dem Umzug seiner Mutter Karolina Halle geb. Taubitz an den Kurfürstendamm, wohnt er allein in der Wohnung Steglitzer Straße 1, Hof, 4 Treppen, Berlin-Tiergarten (heute Pohlstraße). Am 11.03.1926 wird er von seinem in einer Nachbarwohnung lebenden Verwandten Max Halle, ebenfalls Konditor, in einem Schreiben „an die Sittenpolizei Berlin“ als Homosexueller angezeigt. Gustav Halle bringe seit dem Auszug der Mutter ständig „seine schwulen Brüder“ ohne Anmeldung in die Wohnung zur Übernachtung mit. Andere Nachbarn hätten es bisher nicht gewagt, Anzeige zu erstatten, da Halle „als sehr brutal“ gelte. Erst vor kurzem sei Max Halle selbst von einem „sogenannten Freund auf der Treppe angepöbelt worden.“ Er habe deshalb bereits die Mutter „auf das Treiben“ ihres homosexuellen Sohnes aufmerksam gemacht.

Am 24.03.1926 wird die Wohnung in der Steglitzer Straße von der Kriminalpolizei kontrolliert. Gustav Halle wird nicht angetroffen, aber sein Freund August Höwner, geb.27.11.1900 in Goswalde bei Danzig. Höwner wohnt in Berlin-Mitte, Linienstraße 7, in Untermiete. Er wird festgenommen und in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht. Doch im Verhör weist Höwner jeden Verdacht, mit Halle gleichgeschlechtlich verkehrt zu haben, von sich. Die Inspektion E 1 der Kriminalpolizei Berlin-Mitte kann ihm nichts Gegenteiliges nachweisen und entlässt ihn nach Hause. Das Verfahren wegen des Verdachts auf widernatürliche Unzucht wird am 25.03.1926 eingestellt, zumal Höwner nicht vorbestraft und der Aufenthaltsort von Gustav Halle nicht zu ermitteln ist, er deshalb nicht verhört werden kann.

In den folgenden 12 Jahren finden sich nur kleinere Delikte in Halles Strafregister: 1938 wird er wegen Gefährdung des Straßenverkehrs zu 9 RM Geldstrafe verurteilt. Am 29.04.1939 zu 50 RM Geldstrafe bzw. 10 Tagen Gefängnis wegen fahrlässiger Körperverletzung in Tateinheit mit einem Verkehrsdelikt.

Als Gustav Halle am 07.10.1939 bei der Razzia im Lokal „Zum Bären“ festgenommen wird, wohnt er Alte Schönhauser Straße 21, ist Kraftfahrer bei der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik AG Borsigwalde und verdient wöchentlich 70 RM. Er habe noch nie gleichgeschlechtlichen Verkehr gehabt, auch nicht als er noch Frauenkleidung trug, gibt er im Polizeiverhör zu Protokoll. Auf die Frage, warum er denn dann nicht verheiratet sei, antwortet Halle: „Meine Bekanntschaften sind meist verheiratete Frauen oder solche, die in Scheidung leben. Außerdem habe ich Angst, dass meine eventuelle Ehefrau von meiner Vergangenheit erfährt.“ Da Halle nicht einschlägig vorbestraft und seit dem Vorfall aus dem Jahre 1926 als Transvestit und Homosexueller „nicht wieder in Erscheinung getreten ist“, wird er nach 11 Tagen aus dem Polizeigefängnis entlassen. Halle muss jedoch eine Verpflichtungserklärung unterschreiben: "Ich verpflichte mich, nach meiner Entlassung aus der Haft, mich jeder staatsfeindlichen oder umstürzlerischen Tätigkeit zu enthalten." Bei geringstem Verstoß drohen Schutzhaft und Einweisung in ein Konzentrationslager. Er muss ebenfalls auf Ersatzansprüche wegen der polizeilichen Inhaftnahme verzichten.

Die Polizeiakte Gustav Halle endet mit einer kurzen Strafnachricht, aus der nur wenige Einzelheiten hervorgehen. Danach ist Halle in einem Strafverfahren am 02.08.1940 wegen Verstoßes gegen § 175 StGB in 2 Fällen vom Berliner Schöffengericht zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden, verbüßt am 05.03.1941. Ein Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren vom Oktober 1939 geht aus der Polizeiakte nicht hervor.

Text: Bernd Grünheid

Quellen

Landesarchiv Berlin A Pr. Br. 030-02-05 Nr. 114, Polizeiakte Gustav Halle