Ausstellung

Eine Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Rosa Winkel des Kulturrings - 25 Jahre nach dem Fall des Paragraphen § 175 im StGB.

Deutschland hat aufgrund seiner NS-Geschichte eine besondere Verantwortung, Menschenrechtsverletzungen entgegenzutreten. In vielen Teilen dieser Welt werden Menschen wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität heute noch verfolgt, ist homosexuelle Liebe strafbar und kann ein Kuss Gefahr bedeuten.

Der Verfolgungswahn der Nationalsozialisten nahm auch Lesben und Trans*-Personen ins Visier.

Obwohl die strafrechtliche Verfolgung nach § 175 StGB ausschließlich auf „Widernatürliche Unzucht“ von Männern abzielte, war man in den Homosexuellendezernaten davon überzeugt, das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts diene der gleichgeschlechtlichen Prostitution. Anderenfalls könne es sich nur um eine Art von „Geistesschwäche“ handeln oder, wie bei Damenimitator Werner Klüh vermutet, als Tarnung für „hochverräterische Umtriebe“.

So wurden viele der in den Karteien der Sittenpolizei registrierten Trans*-Männer ohne ein reguläres Ermittlungs- und Strafverfahren der Justiz in Schutz- oder Vorbeugehaft genommen und in die Konzentrationslager weggesperrt.

Homosexuellen Transvestiten drohten nicht nur hohe Haftstrafen, sondern auch Hohn und Verachtung von Richtern und Polizei. Viele kamen nach Strafverbüßung nicht frei. Sie standen unter dem Generalverdacht, „eine Gefahr für die Allgemeinheit und den Volkskörper“ (Landgerichtsrat Thiemann in Oktober 1937) zu sein. Der seit 1932 als „Transvestit“ vermerkte Walter Richter überlebte die Deportation im Juni 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen nicht.

Bereits 1933 hatte viele Transvestiten aus Angst vor der sich verschärfenden Verfolgung ihre Frauengarderoben und -Utensilien vernichtet oder versteckt. Tisch- und Animierdamen wurden durch die Schließung einschlägiger Lokale arbeitslos, nicht wenige prostituierten sich für ihren Lebensunterhalt.

Transgender, wie Gerd (Walter) Rogalli oder Karl K., die bereits als Kind Mädchenkleidung trugen, waren durch die Verfolgung besonders bedroht. Der Kampf um ihre Identität, ständig beobachtet durch die Sittenpolizei, ließ sie seelisch zerbrechen. Karl K. überlebte zwei Selbstmordversuche, Walter Rogalli beging, eingesperrt in den Wittenauer Heilstätten, 1943 Selbstmord.

Frauen, die Männerkleidung trugen, wurden polizeilich bedroht und beobachtet. So auch die lesbische Straßenhändlerin Agnes Spindler, die wegen unerlaubten Tragens von Männerkleidung von der Gestapo wie eine Kriminelle behandelt und fortan von drei Polizeirevieren beobachtet wurde. Die Bestrafung lesbischer Liebe war in Strafgesetzbuch nicht vorgesehen. Doch auch hier fanden Kripo und Polizei andere Möglichkeiten: Anzeige beim Jugendamt und Kindesentzug, Überstellung ins Arbeitshaus Rummelsburg als „asozial“, Arbeitserziehungslager Fehrbellin, Uckermark, Lichtenburg, Ravensbrück.

Zur Ausstellung:
Diese Ausstellung ist das Ergebnis eines dreimonatigen Mikroprojekts der beim Kulturring in Berlin e.V. beheimateten AG Rosa Winkel. Dieses wurde besonders gefördert von der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Landesstelle für Gleichbehandlung gegen Diskriminierung (LADS). Das Projektthema wurde hauptsächlich im Landesarchiv Berlin aus den Aktenbeständen von Berliner Polizei und Justiz recherchiert.