Werner Klüh, Damenimitator und Damenschneider

„Das Tragen von Frauenkleidern wurde nach meiner Haftentlassung (1936 aus dem Zuchthaus Brandenburg/Havel) zu einem Dauerzustand und diente der Befriedigung meiner Geschlechtslust… Meinen Geschlechtsverkehr habe ich nur mit Frauen und manchmal im Übermaß ausgeführt. Ich hatte immer Frauen zur Verfügung, oft mehr als ich benötigte“, gibt Werner Klüh im Verhör des Homosexuellendezernats der Kriminalpolizei am 19. und 20.08.1942 zu Protokoll. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er wegen „Rassenschande“ in Untersuchungshaft.

Werner Klüh

Werner Klüh (undatiertes Foto). Auf der Rückseite des Fotos ist handschriftlich vermerkt: „Zum Andenken an Deinen Werner“. Quelle: Landesarchiv Berlin, Justizakte Klüh

Werner Klüh wird am 12.04.1912 in Berlin-Steglitz geboren. Die Familie lebt in Brandenburg an der Havel. Werner liebt die schönen Dinge des Lebens, Leistungsstress und Arbeitsdruck sind ihm zuwider. In der Volksschule bleibt er einmal sitzen, bricht die Schule dann vorzeitig ab. 1917 lassen sich die Eltern scheiden. Die Mutter zieht nach Berlin, Werner bleibt bei seinem Vater in Brandenburg und beginnt eine Tischlerlehre, die er frühzeitig abbricht. In den Folgejahren nimmt er verschiedene Gelegenheitsarbeiten an. Er begeistert sich in seiner Freizeit für das Theater, gehört dem örtlichen Theaterverein an und übernimmt kleinere Rollen. Es gefällt ihm, im Darstellerkostüm verkleidet im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden – vor allem von den jungen Frauen.

Als sein Vater 1928 stirbt, zieht er zu seiner Mutter nach Berlin. Hier versucht sich Klüh als Tischler, Hausdiener und in der Weinbranche doch „wenn mir die Arbeit zu schwer war und sie mir nicht gefiel, ging ich zu einer anderen Stelle und bewarb mich.“

Klühs Liebe gehört dem Theater und Cabaret. Er wird Mitglied im „Theaterverein Fichte“. Besonderen Spaß machen ihm Auftritte als Damenimitator zu denen er kleine Zauberkunststücke vorführt. Mit seinen Kunststücken und seiner ansprechenden Erscheinung kommt Klüh beim weiblichen Publikum außerordentlich gut an: „Es ist für mich immer ein besonderer Reiz gewesen, wenn ich mich in der Verkleidung mit Frauen einließ und mit diesen Geschlechtsverkehr ausüben konnte. In der Frauenkleidung bin ich auch auf die Straße gegangen und habe auch Maskenbälle aufgesucht.“

Anfang der 1930er Jahre zeigt der Theaterverein Fichte neben lustiger Unterhaltung auch ein politisches Programm, das wohl auch Werner Klühs Gesinnung beeinflusst hat, denn er wird 1931 Mitglied der „Roten Hilfe“ und des „Antifaschistischen Kampfbundes“. Bei „kommunistischen Demonstrationen“ wird Klüh mehrfach festgenommen und wegen illegaler Flugschriftenverteilung zu Gefängnisstrafen verurteilt (AG Berlin-Mitte 197 Ds 667/32 und 165 D 40/33), im August 1932 zu einem Jahr Zuchthaus wegen Aufruhrs (LG Berlin 1 Sond L 3/32). Bei einer der Demonstrationen wird er angeschossen (Steckschuss). Am 03.02.1934 verurteilt ihn das Kriegsgericht Berlin zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus sowie 3 Jahren Ehrverlust wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“. Klüh hatte sich an der Verteilung des KPD-Flugblatts „Brennende Fragen“ beteiligt. Er verbüßt die Strafe im Zuchthaus Brandenburg/Havel.

Klüh in Frauenkleidern

Fotos von Klüh in Frauenkleidern gelangten durch Elly Limberg und Gertrud Kern an das Homosexuellendezernat. Quelle: Landesarchiv Berlin, Justizakte Klüh

1936 lernt Werner Klüh die Fahrstuhlführerin Elly Limberg bei einer Veranstaltung im Saalbau Friedrichshain in Berlin-Prenzlauer Berg kennen. Sie wohnt bei ihrer Pflegemutter in der Swinemünder Straße 123 in Berlin-Mitte. Elly Limberg, geb. 26.01.1910 in Berlin, ist geistig eingeschränkt, wurde in der Heil- und Pflegeanstalt Berlin Buch bis Februar 1935 behandelt. 1937 zieht sie mit Werner Klüh zusammen in eine kleine Wohnung mit Stube und Küche in der Swinemünder Straße 124. Den gemeinsamen Lebensunterhalt bestreitet Klüh mit Gelegenheitsarbeiten, und tritt als Damenimitator auf.

Zu Hause beginnt er in seiner Freizeit zu schneidern. Seine Frauenbekanntschaften kommen zu Besuch, um sich von ihm Kleidung ändern zu lassen. Andere bringt er von seinen Auftritten nach Hause mit. Klüh schließt sich mit ihnen im Zimmer ein und hat Geschlechtsverkehr. Auf Proteste seiner Freundin Elly erwidert er, das sei eben seine Veranlagung.

Im Februar 1940 zieht Klüh aus der gemeinsamen Wohnung in die Linienstraße 61 in Berlin-Mitte. Auch hierhin nimmt er seine Affären zum Geschlechtsverkehr mit. Eine von ihnen ist die „Sittendirne“ Gertrud Link, die im Oktober 1941 einen Monat lang bei ihm wohnt. Durch Zufall entdeckt er auf ihrer Lebensmittelkarte den Vermerk, dass sie Jüdin ist und wirft sie aus der Wohnung. Gleichzeitig hat er ein Verhältnis mit Helene Milgrom, ebenfalls Jüdin.

Im September 1941 belegt Klüh einen „Sonderkurs“ bei der Berliner Schneiderinnung in der Leipziger Straße, Berlin-Mitte. Er möchte sich als Schneider selbständig machen und beantragt Mitte Oktober Straftilgung, um seine entzogenen Ehrenrechte wiederzuerhalten.  Ohne die Entscheidung über seinen Antrag abzuwarten mietet er sich einen Laden mit Wohnung in der Alte Schönhauser Straße 57. Berlin-Mitte und eröffnet am 01.12.1941 eine Altwarenhandlung für gebrauchte Kleidung sowie eine Reparaturschneiderei. Zur Freude seiner weiblichen Kundschaft spezialisiert er sich auf Damenschneiderei. Woher Klüh das Geld für die Miete der Wohnung in der Linienstraße und die Schneiderei hatte, ist unbekannt. Am 06.12.1941 lehnt der Generalstaatsanwalt beim Berliner Landgericht den Antrag auf Straftilgung ab. Somit führt Klüh die Schneiderei ohne Genehmigung.

 

Werner Klüh in den 1930er Jahren

Werner Klüh in den 1930er Jahren Fotos: Landesarchiv Berlin, Justizakte Werner Klüh

Neben seinen Affären hat Klüh wieder eine feste Beziehung. Sie heißt Gertrud Kern (Lebensdaten unbekannt), die er am 20.12.1941 heiratet. Die Ehe dauert nur ein halbes Jahr, denn Gertrud bleiben die Affären ihres Mannes nicht verborgen. Seine Beziehungen zu den Jüdinnen nutzt sie, um ihn wegen „Rassenschande“ anzuzeigen. Werner Klüh wird daraufhin festgenommen und am 25.06.1942 in die Untersuchungshaft in Berlin-Plötzensee eingeliefert.

Schon am 22.06.1942 erstattet Elly Limberg auf dem 14. Polizeirevier in der Berliner Brunnenstraße 23, Berlin-Mitte, Anzeige gegen ihren ehemaligen Lebensgefährten Werner Klüh, der ihr während ihrer „wilden Ehe“ nicht nur ihre goldene Uhr gestohlen haben soll, sondern auch ein homosexueller Transvestit sei, der ständig als Frauen verkleidete Männer mit in die gemeinsame Wohnung mitgebracht habe: „Mit den Männern schloss sich Klüh dann im Zimmer ein. Zur Beweisführung für meine Angaben füge ich einige Fotos bei, die Klüh in Frauenkleidung darstellen.“

Limbergs Anzeige wird am 07.07.1942 an das Homosexuellendezernat der Kriminalpolizei KI M II 2 weitergeleitet. Dort ist Klüh bisher unbekannt. Das Dezernat hält die Aussagen für unglaubwürdig, da der wegen „Rassenschande“ in Untersuchungshaft in Plötzensee einsitzende „Kommunist“ Klüh nicht nur mit zahlreichen deutschen Frauen sondern auch mit den beiden Jüdinnen Geschlechtsverkehr hatte. Die Frauenkleider habe er wahrscheinlich als Tarnung für seine „kommunistischen und hochverräterischen Umtriebe“ getragen. Klüh muss unter Androhung „strengster polizeilicher Maßnahmen“ unterschreiben, nie wieder Frauenkleidung in der Öffentlichkeit zu tragen.

Die Unterlagen des Falles werden an die für Ermittlungen gegen Juden und für deren Deportation zuständige Abteilung IV D 1 der Staatspolizeileitstelle übergeben. Diese lässt Klüh vorführen und verhören. Im Vermerk der Dienststelle vom 20.07.1942 heißt es: „An der Person des K. (Klüh) ist hier kein Interesse, da er Arier ist. Sofern dort Jüdinnen ermittelt werden, mit denen K. geschlechtlich verkehrt hat, bitte ich um Angabe ihrer Personalien.“ 

Am 20.08.1942 wird Werner Klüh von Kriminaloberassistent Max Jachode vom Homosexuellendezernat erneut mit den Aussagen seiner ehemaligen Freundin Limberg bezüglich seiner Vorliebe für Frauenkleidung verhört. Auch diesmal findet der Kriminalbeamte keine Anhaltspunkte für den Vorwurf „Widernatürlicher Unzucht.“ Klüh verspricht, die polizeilichen Auflagen zu befolgen. Über den Verbleib seiner „Frauensachen, wie Perücke, Brüste, Korsett usw“ will er jedoch keine Auskunft geben…“Ich will mir diese Sachen zum Andenken aufbewahren.“

Auch der von Elly Limberg angezeigte Diebstahl der goldenen Uhr wird aufgeklärt. Die Uhr war von einem Jugendfreund Klühs entwendet worden, der sich kurze Zeit in der gemeinsamen Wohnung aufhielt und noch während der Ermittlungen gegen Klüh wegen dieses und weiterer Diebstähle bereits verurteilt wurde. Staatsanwalt Schumacher stellt das Verfahren gegen Klüh wegen Diebstahls am 10.09.1942 ein.

Die Gerichtsverhandlung wegen des Vorwurfs der „Rassenschande“ ist für den 05.09.1942 anberaumt (AZ: 2 PK Ls 24/42). Unterlagen über das abgetrennte Verfahren, den Prozess und die Haft gibt es nicht. Klüh soll in einem KZ inhaftiert worden sein, aus dem er 1945 entlassen wurde (LAB C Rep. 118-01 Nr. 10031).

Werner Klühs weiterer Lebensweg geht aus den Unterlagen des in Berlin ansässigen Hauptausschusses „Opfer des Faschismus“ (OdF) hervor. Nach Ende des Krieges wird er als Verfolgter anerkannt, verliert seine Anerkennung aber bereits am 19.12.1946 „aus kriminellen Gründen“. Klüh zieht nach Rudolstadt in Thüringen und beantragt bei der „Betreuungsstelle Oberbayern, Abteilung politisch und religiös Verfolgte“ in der Münchner Goethestraße erneut eine Registrierung als politisch Verfolgter. Die OdF-Stellen vermuten Betrug. Am 03.02.1947 wird der Vorgang zur Strafverfolgung Klühs an den Oberstaatsanwalt in Rudolstadt übergeben. 1951 wird das Betrugsverfahren gegen Klüh eingestellt.

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 24875 Strafakte Werner Klüh wegen Diebstahls einer goldenen Uhr
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 4918 Straftilgungssache Werner Klüh
Landesarchiv Berlin A Rep. 369, Karteien, Karton Nr.19 Haftkarte Werner Klüh 1942
Landesarchiv Berlin C Rep. 118-01 Nr. 10031 OdF-Akte Werner Klüh
Bundesarchiv R 3003 AZ: 17 J 723/33 Abschrift des Urteils vom 03.02.1934 „Wegen Vorbereitung zum Hochverrat“