Walter Zoschke und Karl Finger, genannt „Farere“ oder „Klempner-Erna“

Es ist eine illustre fünfköpfige Männergesellschaft, die sich am späten Abend des 30.11.1936 in der Schankwirtschaft von Otto Grunow in der Adalbertstraße 89, Berlin-Kreuzberg, beim Bier zuprostet. Der arbeitslose Schneider Walter Zoschke und der ebenfalls arbeitslose Zeitschriftenvertreter Erich Zühlsdorf hatten zuvor gemeinsam mit dem Klempner Karl Finger sowie dem Eisenwarenhändler Walter Heinacker in einem Lokal an der Kottbusser Brücke gezecht. Der Arbeiter Werner Brackmann, ein Bekannter von Walter Heinacker, wird wenig später in die Runde eingeladen.

In der Schankwirtschaft Grunow spendiert Karl Finger mehrere Biere. Lautstark wird über vergangene Zeiten geplaudert. Die beiden Homosexuellen Finger, geb. 19.06.1889 in Christianstadt (Kreis Sorau, heute Polen) und Zoschke, geb. 31.05.1905 in Klein Soltikow (Kreis Schlawe, heute Polen), haben sich Anfang der 1930er Jahre auf dem Straßenstrich am Berliner Alexanderplatz kennengelernt, als Zoschke in Frauenkleidern der gewerblichen Prostitution nachging. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten legt er seine Frauenkleider aus Furcht vor polizeilicher Verfolgung ab.

Auch Finger, der bereits vor dem 1. Weltkrieg wegen „Widernatürlicher Unzucht in Frauenkleidern“ mit Gefängnis bestraft worden ist, trägt längst keine Frauenkleidung mehr, verkehrt aber, wie Zoschke, weiterhin in homosexuellen Kreisen. 1913 wird er wegen „Widernatürlicher Unzucht“ zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, im gleichen Jahr zu weiteren 4 Wochen wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses.“ Vom 21.01. bis 04.05.1935 nimmt ihn die Polizei wegen „dringenden Verdachts der Widernatürlichen Unzucht“ im Konzentrationslager Lichtenburg (Prettin, Sachsen-Anhalt) in Schutzhaft.

Walter Zoschke

Erkennungsdienstliche Fotos von Walter Zoschke vom März 1933. Quelle: Landesarchiv Berlin, Justizakte Finger und Andere

Mit steigendem Alkoholpegel wird die Stimmung der 5 Männer immer ausgelassener. Finger und Zoschke sprechen sich nun gegenseitig mit Mädchennamen an. Fingers ehemaliger Transvestitenname war „Farere“, jetzt nennen ihn die Freunde „Klempner-Erna“. Die Männer pudern ihre Gesichter und tanzen miteinander. Keiner der Angetrunkenen bemerkt, dass sie belauscht und beobachtet werden. In einer Ecke des Lokals sitzt der Wachtmeister der Schutzpolizei Rudolf Hentze in Zivilkleidung: „Sie benahmen sich durch Redensarten und Handlungen so auffällig, dass man sie sofort als Homosexuelle erkennen musste.“ Die lautstark feiernden Männer, so die Wahrnehmung des Hauptwachmeisters, haben „nach dem Genuss von einigen Glas Bier sich nach Frauenart bewegt“.

Wachtmeister Hentze schickt einen Bekannten ins nahegelegene Polizeirevier 107, Waldemarstraße 55, Berlin-Kreuzberg. Als von dort Unterstützung eintrifft werden die 5 Männer festgenommen und auf das Revier gebracht, um die Personalien festzustellen. Nach Rücksprache mit dem Homosexuellendezernat Stapo B 3 kommen „Klempner-Erna“ und die anderen Männer zunächst frei.

Für die Staatspolizeileitstelle B 3 übernimmt Kriminalassistentanwärter Hermann Lübeck, geb. 27.02.1904 in Königslutter (Niedersachsen), die Ermittlungen, die sich hauptsächlich gegen die Homosexuellen Karl Finger und Walter Zoschke richten. Beide sind in der Kartei des Dezernats bereits seit 1909 und 1933 erfasst. Lübeck lädt Walter Zoschke am 02.02.1937 zum Verhör.

Zoschke, der 1926/27 nach Berlin kam und hier zunächst als gelernter Schneider arbeitete, gibt zu, homosexuell veranlagt und aus Geldnot wegen seiner Arbeitslosigkeit ab 1931 als Transvestit in der Nähe des Berliner Spittelmarktes auf den Strich gegangen zu sein. In Hausnischen sei es dann mit den Freiern zu gegenseitiger Onanie gekommen. Gleichgeschlechtlichen Verkehr habe aber er jedoch stets abgelehnt. „Kurz nach der Machtübernahme habe ich mich dann in der Öffentlichkeit in Frauenkleidern nicht mehr sehen lassen. Auch in geschlossenen Räumen habe ich diesen Unfug sein gelassen.“ Letztmalig im Herbst 1935 habe er in einem Lokal in der Britzerstraße in Berlin-Mariendorf einen ihm unbekannten Mann kennengelernt und wechselseitig onaniert.

Während Zoschke nach dem Verhör nach Hause entlassen wird, lässt Ermittler Lübeck am 05.04.1937 Karl Finger in seiner Kreuzberger Wohnung, Adalbertstraße 89, festnehmen und in das Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz überführen. Der ledige Karl Finger ist bei der Autoklempnerei Wilhelm Remm in der Berliner Straße 47 in Berlin-Wilmersdorf beschäftigt.

Das Moka Efti

Undatiertes Portraitfoto von Walter Zoschke Quelle: Landesarchiv Berlin, Justizakte Finger und Andere

Im Verhör gesteht Finger mehrere gleichgeschlechtliche Verhältnisse mit ihm unbekannten Strichjungen am Berliner Alexanderplatz und in einem Lokal in der Hasenheide, Berlin-Neukölln. Er habe die jungen Männer stets mit in seine Wohnung genommen, sei jedoch mehrmals bestohlen worden, sodass er Weihnachten 1936 sämtlichen Kontakt mit ihnen eingestellt habe.

Am 10.04.1937 wird Karl Finger in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit eingeliefert. Die Anklageschrift gegen ihn und Walter Zoschke wegen „Verbrechen und Vergehen nach §§ 175 und 175a StGB“ folgt am 30.04.1937 durch Staatsanwaltschaftsrat Dr. Mittelbach. Rechtsanwalt Dr. Kurt von Wülfing wird Karl Fingers Pflichtverteidiger. Walter Zoschke wartet die Vorladung für den anberaumten Gerichtstermin am 20.07.1937 um 12.00 Uhr zu Hause ab.

Am 10.07.1947 gegen 03.00 Uhr morgens wird Walter Zoschke wegen eines erneuten Vorwurfs „Widernatürlicher Unzucht“ an der Ecke Roßstraße-Friedrichgracht (heute Fischerinsel in Berlin-Mitte) polizeilich festgestellt. Auf dem Nachhauseweg nach einem gemeinsamen Lokalbesuch mit seinem Bekannten, dem Maschinisten Nikolas Werner, versucht der angetrunkene Zoschke zunächst, seinen Begleiter auf die Wange zu küssen. Als der verdutzte Werner den Annäherungsversuch abwehrt, kniet Zoschke vor ihm nieder, um ihm den Hosenschlitz zu öffnen. Der verheiratete Familienvater Werner ist entsetzt, wehrt den zudringlichen Zoschke erfolgreich ab. Der Vorfall wird von zwei zufällig vorbeikommenden Männern, dem Vertreter Erich Junkowski und dem Tischler Werner Scherf beobachtet. Sie überwältigen Zoschke und bringen ihn auf das nächstgelegene Polizeirevier. Dort stellt Zoschkes Begleiter Anzeige wegen Beleidigung. Zoschke ist geständig, entschuldigt sich für den Vorfall. Am 14.07.1937 wird Walter Zoschke in das Zellengefängnis Lehrter Straße in Untersuchungshaft genommen.  Die Anklage vom 16.07.1937 wirft ihm Beleidigung und Nötigung nach §§ 185, 175a Ziffer 1 und 175 StGB vor.

Walter Zoschke wird durch Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Lieberknecht vertreten. Lieberknecht beantragt am 30.07.1937, das parallel gegen Zoschke/Finger am Berliner Schöffengericht schwebende Verfahren (75 KLs 17/37) mit dem laufenden Verfahren gegen Zoschke (95 Ls 48/37) zusammenzulegen. Dem wird stattgegeben. Als Termin zur gemeinsamen Verhandlung und Entscheidung vor der 20. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin wird der 17.08.1937 vereinbart.

Die Verhandlung unter Vorsitz des Landgerichtsrats Dr. Schuster dauert vier Stunden. Noch während der Verhandlung zieht Nikolas Werner seine Anzeige wegen Beleidigung zurück. Trotzdem wird Walter Zoschke wegen Vergehens nach § 175 StGB in zwei Fällen zu einer Gesamtstrafe von 7 Monaten unter Anrechnung der U-Haft verurteilt. Landgerichtsrat Schuster in seiner Urteilsbegründung: „Der Angeklagte hat nach seinem glaubhaften Geständnis nicht nur dem Werner den Hosenschlitz geöffnet, er hat auch dessen Geschlechtsteil berührt. Ob das Geschlechtsteil in diesem Augenblick noch bekleidet war oder ob der Angeklagte bereits das unbekleidete Geschlechtsteil in der Hand hatte, kann dahingestellt bleiben. Denn der Tatbestand des § 175 a.a.O. wird durch alle auf Erregung oder Befriedigung der eigenen oder fremden Geschlechtslust gerichteten Handlungen erfüllt, die geeignet sind, das allgemeine Sittlichkeitsgefühl in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen.“ Am 17.02.1938 wird Walter Zoschke aus dem Gefängnis Lehrter Straße nach Hause entlassen.

Karl Finger wird wegen seiner aus dem Jahre 1936 zugegebenen sexuellen Kontakte mit Strichjungen zu 1 Jahr Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt und am 19.08.1937 in das Gefängnis Tegel eingeliefert. Während seiner Haft verurteilt ihn das Sondergericht I beim Berliner Landgerichts am 17.09.1937 wegen „vorsätzlichen Vergehens gegen §1 des Heimtückegesetzes vom 20.12.1934“ zu weiteren 6 Monaten Gefängnis. Der Flieger Ludwig Thiessenhusen hatte im Dezember 1936 über seine Begegnung mit Finger am Berliner Alexanderplatz Meldung bei seiner Kompanie gemacht. Finger hatte sich damals abfällig über die deutsche Regierung und die Verwendung der gesammelten Spenden für das Winterhilfswerk geäußert.
Die Gesamtstrafe von 1 Jahr, 5 Monaten und 2 Wochen wird Finger zum Teil durch Amnestie erlassen. Am 24.09.1938 kommt er aus dem Strafgefängnis Tegel nach Strafverbüßung frei und findet Arbeit als Autoklempner bei Opel in Berlin-Tempelhof, Bessemerstraße. Der Wochenverdienst beträgt 45 RM.
Im Oktober und November 1940 sucht er an den Bahnhöfen Berlin-Alexanderplatz und Friedrichstraße erneut nach gleichgeschlechtlichen Kontakten. Er wird angezeigt und wegen Verbrechens nach § 175a 3 StGB am 01.07.1941 zu 2 Jahren Zuchthaus sowie 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Am 01.04.1943 wird Karl Finger aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden entlassen und in das Polizeigefängnis nach Berlin überführt.

Über das weitere Schicksal von Walter Zoschke und Karl Finger ist nichts bekannt.

 

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 126677 Justizakte Finger und Andere „wegen widernatürlicher Unzucht“
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 121602 Justizakte Finger „wegen widernatürlicher Unzucht“ (1 Ju KLs 52/41)