Walter Richter, Hausdiener

Walter Richter

Walter Richter 1940 in seiner Wohnung im Keller Bahnhofstraße 31, Lichterfelde-Ost, Berlin-Steglitz. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Walter Richter

Walter Richter wird am 24.09.1907 in Berlin-Lichterfelde als Sohn des Maurers Otto Richter und seiner Ehefrau Emilie geb. Kersten geboren. Von seinem 6. bis zum 14. Lebensjahr besucht er die III. Gemeindeschule in der nahegelegenen Kastanienstraße 7. Es folgen 3 Jahre an der gewerblichen Fortbildungsschule. Walter möchte Kellner werden, doch eine Einschränkung seines Armes verwehrt ihm den Berufswunsch. Über die nächsten Jahre seines Lebensweges bis 1932 ist leider nichts bekannt.

1932 ist Richter ist bei der Firma Zeiss-Ikon beschäftigt. Er gerät in das Visier des Homosexuellendezernats der Polizei. Walter Richter wird als „Transvestit in Frauenkleidern mit Damenschmuck und pudiertem Gesicht“ polizeilich festgestellt. Als Homosexueller soll er zudem „in seiner Wohnung Zusammenkünfte mit gleichveranlagten Personen veranstaltet“ und mit ihnen „Unzucht betrieben“ haben. Zu einer Verurteilung kommt es jedoch nicht. Auch das im gleichen Jahr beginnende intime Freundschaftsverhältnis mit dem in Teltow bei Berlin wohnenden Soldaten Hans Blume bleibt zunächst unentdeckt.

In den Folgejahren lernt Walter Richter 8 weitere homosexuelle Männer kennen, die er stets in seine Lichterfelder Kellerwohnung, Bahnhofstraße 31, Berlin-Steglitz, mitnimmt. Darunter sind auch junge Männer unter 20 Jahren, wie Alexander K., geboren 1925 in Berlin, Schlosserlehrling bei der Firma Ott und Pfund in Berlin-Horst-Wessel-Stadt (heute Berlin-Friedrichshain). Richter spricht ihn an einem Zeitungskiosk in der Nähe seiner Lichterfelder Wohnung an.  Oder der Reichsbahngehilfe Herbert B, geboren 1921 in Berlin-Lankwitz, der bereits ein gleichgeschlechtliches Verhältnis zu Paul Grochowski, kaufmännischer Angestellter, geboren 20.12.1914 in Preylowen/Kreis Allenstein (heute Emsland-Masuren, Polen), unterhält. Grochowski hatte zuvor schon Richters Wohnung kennengelernt.

So bietet die unauffällige Kellerwohnung bis zum Herbst 1940 Sicherheit für Richters homosexuelle Partnerschaften.  Die Miete bezahlt der ledige Walter Richter von seinen 36 RM Wochenlohn. Richter arbeitet als Hausdiener bei der Drogerie Wilhelm Schmidt am Bahnhof Lichterfelde-Ost.

Ende Oktober 1940 wird das Dezernat IV B 1 c des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) durch eine vertrauliche Mitteilung auf Walter Richter aufmerksam. In der Meldung vom 22.10.1940 heißt es unter anderem: „…Er soll Transvestit sein und trägt neuerdings Frauenkleidung aus Krepp-Papier. Richter fällt besonders durch das Tragen von Frauenschmuck unangenehm auf...“.

Vier Tage nach Eingang der Meldung wird Richters Kellerwohnung am 26.10.1940 auf Anordnung des Kriminalinspektors Fritz Fehling, geb. 09.09.1882 in Straußfurt, Leiter des Homosexuellendezernats IV C 4 c, durchsucht. Kriminalsekretär Fiene findet 10 Lichtbilder, darunter Aufnahmen von Walter Richter und Herbert B. in Frauenkleidung sowie verschiedene Briefe. Richter wird sofort festgenommen und in das „Hausgefängnis“ der Gestapo, Prinz-Albrecht-Straße 8, überführt.

Die Ermittlungen des Homosexuellendezernats übernimmt der 41-jährige Kriminalassistent Josef Pospischil. Er lässt Richter und den ebenfalls festgenommenen Herbert B. vorführen.

Karl-Heinz Zimmermann

Karl-Heinz Zimmermann, Fidicinstraße 12, Berlin-Kreuzberg, in Frauenkleidung. Zum Zeitpunkt der Aufnahme 1940 in Richters Wohnung war Zimmermann 35 Jahre alt. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Walter Richter

Während Walter Richter jeglichen gleichgeschlechtlichen Verkehr vehement abstreitet, legt Herbert B. ein vollständiges Geständnis ab. Er gibt auch die Namen von Richters Sexualpartnern preis, will aber die Frauenkleidung – ebenso wie Richter – nur „aus Jux“ für die bei Richter gefundenen Fotos angelegt haben. Der Kriminalassistent gibt sich mit dem abgelegten Geständnis zufrieden und schickt Herbert B. nach Hause. Walter Richter bleibt bis zum 7. November 1940 im Gewahrsam der Gestapo.

Durch die Preisgabe der Namen seiner Partner werden 6 weitere Männer festgenommen und verhört: Karl-Heinz Zimmermann, Hans Blume, Heinz Schulz, Paul Grochowski, Schlosserlehrling Alexander K. und Edgar Kerstan, Friseurgehilfe, geb. 25.12. 1899 in Stettin. Alle gestehen im Verhör die sexuellen Beziehungen zu Walter Richter. Es kommt zu Gegenüberstellungen, doch Richter leugnet, die Männer zu kennen. Nach mehreren Wochen Gefangenschaft im Hausgefängnis und zahlreichen Verhören durch Gestapobeamte wird Walter Richters Widerstand gebrochen. Am 02. November 1940 legt er vor dem Kriminalassistenten Josef Pospischil ein umfassendes Geständnis ab und wird wenige Tage darauf in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überführt. Gerichtsassessor Ebert erhebt Anklage wegen Verstoßes gegen die Paragrafen 175 und 175a 3 StGB.

Die knapp anderthalbstündige Hauptverhandlung findet am 21. Februar 1941 vor der 9. Strafkammer des Landgerichts Berlin statt. Richter wird wegen „widernatürlicher Unzucht in 8 Fällen“ zu 1 Jahr und 7 Monaten Gefängnis unter Anrechnung von 3 Monaten U-Haft verurteilt und am 03. März 1941 aus dem Gefängnis Lehrter Straße in das Strafgefängnis Berlin-Tegel überführt.

 

Arbeitgeber
„Leiser“ ergreift Partei

v.l.n.r.: Walter Richter, Herbert B. und Karl-Heinz Zimmermann. Foto um 1940 Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Walter Richter

Richters Freunde und Sexualpartner werden in separaten Prozessen abgeurteilt. Herbert B. ist Kradschütze bei der Wehrmacht in Bad Freienwalde. Er wird in der Verhandlung am 26.04.1941 vor dem Gericht der Kommandantur Berlin, Lehrter Straße 58, Berlin-Moabit, für sein Verhältnis zu Grochowski und Richter bestraft. Paul Grochowski verurteilt das Landgericht Berlin am 14.06.1941 zu einer Gefängnisstrafe wegen Verstoßes gegen § 175 StGB. Heinz Schulz wird am 24.10.1941 vom Amtsgericht Berlin verurteilt. Walter Richter wird aus der Gefängnishaft in Berlin-Tegel geholt, um im Prozess gegen Schulz als Zeuge auszusagen. Auch gegen den jungen Alexander K. wird von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin ein Anklageverfahren wegen Unzucht vorbereitet.  Es bleibt jedoch bei einer Verwarnung durch den Jugendrichter.

Als Richter am 21. Juni 1942 seine Haftstrafe in Berlin Tegel verbüßt hat, wird er sofort in Vorbeugehaft genommen. Einen Monat später ist Walter Richter tot – umgebracht als Zwangsarbeiter im „Todeslager“ Klinkerwerk, dem in der Nähe von Oranienburg gelegenen Außenlager des KZ Sachsenhausen.

Im Totenbuch des KZ Sachsenhausen findet sich folgender Eintrag:
Richter, Walter
geb. 24.09.1907, Lichterfelde b. Berlin
Todesdatum 28.07.1942, AL Klinker
Häftlingsnummer(n): 44640

Text: Bernd Grünheid

KI Vorb.3 Dokument vom 18.05.1942

KI Vorb.3 Dokument vom 18.05.1942, Landesarchiv Berlin

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 15984 Gefangenenakte Walter Richter
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 121309-121310, Strafakte Walter Richter wegen widernatürlicher Unzucht, AZ 3 Ju KLs 7/41
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 152863 Strafakte Paul Grochowski wegen widernatürlicher Unzucht, AZ 75 Js 25/42
Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 1548 Gefangenenakte Alexander K.
Totenbuch KZ Sachsenhausen (online) http://www.stiftung-bg.de/totenbuch/main.php