Toni (Emil) Kellner, Kriminalschutzmann, Detektivin

Emil Dietrich Johann August Kellner wird am 02.06.1873 in Hannover geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Er scheint eine Ausbildung bei der Schutzpolizei gemacht zu haben und nach Berlin gezogen zu sein, denn am 24.01.1906 zeigt er als „Schutzmann Emil Kellner“ den Behörden in Berlin-Charlottenburg die Geburt seiner Tochter Käthe an.

Toni (Emil) Kellner

Toni (Emil) Kellner, Foto undatiert; Quelle: Mordsammlung Akte Kellner, Landesarchiv Berlin

Die Ehe wird geschieden (Datum unbekannt), denn Emil Kellner will als Frau leben. Er sieht sich selbst als „Zwitter“, bei dem die weibliche Komponente überwiegt und ist bereit, um die Anerkennung seiner weiblichen Identität zu kämpfen. 1908 trägt er Frauenkleider, lässt sich von dem befreundeten Schneider Julius Würfler, geboren 01.02.1880 in Bomst, heute Babimost in Polen, mehrfach Damenkleidungsstücke schneidern. Würfler ist homosexuell, wird im Oktober 1937, vom Schöffengericht Berlin wegen widernatürlicher Unzucht mit einem Mann zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Freundschaft zwischen Kellner und Würfler hält mehrere Jahre, ob sie ein Verhältnis hatten, ist unbekannt.

Offensichtlich ist Kellner von der Kriminalpolizei übernommen und in seinen Frauenkleidern als verdeckter Ermittler mit besonderem Erfolg eingesetzt worden. 1912 ist in einem Bericht eines Unterstaatssekretärs Ungewöhnliches vermerkt: „Als Krim. Schutzmann liebt er es, in weiblicher Rolle Ermittlungen anzustellen. Das wurde gutgeheißen und die Benutzung weiblicher Kleidung außerhalb solcher Ermittlungsfälle damit entschuldigt, dass er sich im Benehmen als Frau Sicherheit erwerben solle und wolle. Nachher hat man seinem Frausein, da polizeilich nichts entgegenstand, nachgegeben."

Am 21. Oktober 1912 wird ihm der Transvestitenschein für das Tragen von Frauenkleidung in der Öffentlichkeit vom Berliner Polizeipräsidenten bewilligt, die ebenfalls beantragte Änderung des männlichen Vornamens in einen weiblichen jedoch abgelehnt. Kellner zeigt offen seine Verärgerung über die Entscheidung. Er macht sich damit unbeliebt bei seiner Dienststelle und wird wenig später aus dem Polizeidienst entlassen.

Erst am 11. Dezember 1922, erhält Kellner die Genehmigung zur Änderung seines Vornamens auf Grundlage der „Ermächtigung des Justizministeriums Berlin vom 11.11.1922 J Nr. III d 5415“. Emil heißt ab sofort Toni Keller, der Wunschname Emilie wird ihr wieder verwehrt.

Nach der Entlassung aus dem Polizeidienst ist Kellner nun selbst der Observation und Verfolgung durch Polizei und verräterische Nachbarn ausgesetzt, da alle Transvestiten pauschal als Homosexuelle verdächtig sind. Doch Toni kennt ihre Methoden und Tricks. Als Frau Toni Kellner zieht sie allein in eine Einzimmerwohnung mit Küche und Toilette im Tegeler Weg 9, Berlin-Charlottenburg. Sie vermeidet alle Kontakte zu ihren Nachbarn, empfängt keinen Besuch. Auch Tochter Käthe kommt nur selten vorbei. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich als Detektivin. Julius Würfler, nunmehr Inhaber eines Zigarettengeschäftes in der Pücklerstraße 43, Berlin-Kreuzberg, vermittelt ihr Aufträge für Beobachtungen und Ermittlungen. Eine Werbetafel mit Telefonnummer in Schaufenster seines Ladens soll neue Kunden für den ehemaligen Polizeiermittler in Frauenkleidung gewinnen.

Polizeifoto vom Tatort im August 1936

Polizeifoto vom Tatort im August 1936. Quelle: Landesarchiv Berlin, Mordsammlung, Akte Kellner

Bei ihren Nachbarn gilt Frau Kellner als menschenscheuer Sonderling. Tagsüber wird sie selten angetroffen, weil Toni meist in den späten Abendstunden das Haus verlässt. Die Nachbarin der gegenüberliegenden Wohnung hört gelegentlich nur das Klappen der Korridortür, gesehen hat sie Frau Kellner nie. Von einer anderen Hausbewohnerin wird Toni mit dem Spitznamen „Die große Wally“ tituliert. Dass es sich bei Frau Kellner um einen männlichen Transvestiten handelt, der sich vor Entdeckung versteckt, erfahren die Hausbewohner erst Jahre später, im August 1936.

Am 17.08.1936 nimmt der Hauswart des Hauses Tegeler Weg 9 einen unangenehmen Geruch aus der Wohnung von Toni Kellner wahr. Ein Schlosser kann die mit einem Sicherheitsschloss von innen abgeschlossene Wohnungstür nicht öffnen. Die herbeigerufene Feuerwehr verschafft sich mit einer Leiter Zugang durch das in der 1. Etage gelegene Küchenfenster und findet Toni Kellner in Damenhemd, Schlüpfern und bis zu den Knieen reichenden roten Damenschnürstiefeln tot auf ihrem Bett liegend. Ihre Wertsachen, Armbanduhr, Ringe, Ohrringe und Armbänder liegen geordnet auf dem Tisch. Die Polizei glaubt zunächst an einen Mord. Kriminalassistent Schmerder, II. Reserve Mordkommission, befragt Kellners Nachbarn. Doch am Tatort finden sich keinerlei Hinweise auf Fremdeinwirkung und auch die Obduktion weist auf eine natürliche Todesursache infolge „schwerer krankhafter Veränderungen der Körperschlagader“ hin. Toni hatte schon seit Monaten über Asthma und Herzbeschwerden geklagt, sich aber nie in ärztliche Behandlung begeben.

Im Juli 1936 schloss die Detektivin Toni Kellner ihren letzten Ermittlungsauftrag in einer Ehescheidungssache ab. Das dafür fällige Honorar in Höhe von 20 RM war ihr per Post von der Auftraggeberin zugesandt worden.

Text: Bernd Grünheid

Quellen

Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep 030-03, Nr. 670 Mordsammlung, Akte Kellner
Landesarchiv Berlin, P Rep. 557 (Charlottenburg IV), Nr. 68, Nr. 262 Todesurkunde Emil Kellner (63 Jahre)
Landesarchiv Berlin, P Rep. 553, Nr. 685 / Nr. 147/1906 Charlottenburg II Geburtsurkunde der Tochter Käthe am 24.6.1906
Landesarchiv Berlin, A Rep. 358-02, Nr. 132012, Strafakte Julius Würfler wegen widernatürlicher Unzucht, AZ: 95 Ms 160/37
Rainer Herrn: Schnittmuster des Geschlechts - Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft (Beiträge zur Sexualforschung), Psychosozial-Verlag 2005