Reinhold Hoppe genannt „Rita“, Damenschneider

Reinhold Hoppe wird am 28.04.1907 in Pommerensdorf Kreis Randow, heute Pomorzany, einem Stadtteil von Stettin, geboren. Bis zum 14. Lebensjahr besucht er die örtliche Gemeindeschule, verliert früh seine Eltern und wird von seinen Großeltern aufgezogen. Schon als Kind schwärmt er für schöne und große Männer, zunächst auch für Frauen, deren schicke Garderoben ihn besonders faszinieren. Als Jugendlicher zieht er sich immer öfter Frauenkleider an, schminkt sich, besucht Tanzlokale im nahen Stettin. Dort kennt man ihn unter dem Namen „Rita“.

Reinhold Hoppe (Mitte)

Reinhold Hoppe (Mitte) mit Freunden. Die Namen der beiden Männer und das Datum der Aufnahme sind unbekannt. Foto: Landesarchiv Berlin, Strafakte Reinhold Hoppe

1925 beginnt Reinhold Hoppe eine Lehre als Damen- und Herrenschneider. 1929, ein Jahr nach Abschluss seiner Lehre, zieht er nach Berlin, findet Anstellung als Damenschneidergeselle. Als tanzfreudige „Rita“ in Frauenkleidern genießt Hoppe das Nachtleben der Hauptstadt in vollen Zügen, ständig auf der Suche nach jungen Männern, oft aus dem Stricher-Milieu, denen er auch gern ein Getränk spendiert. „Rita“ tanzt in allen einschlägigen Lokalen, wie dem „Florida-Saal“ in der „Zauberflöte“, Kommandantenstraße 72, dem Lokal „Zum Weltkrug“, Lothringer Straße 34-35 Ecke Gormannstraße (heute Torstraße 89 Ecke Gormannstraße 17) Berlin-Prenzlauer Berg, oder dem „Bürgerkasino“ in der Friedrichsgracht 26 (heute Fischerinsel, Berlin-Mitte). Hier trifft sie gleichgesinnte Transvestiten wie Kurt Kaufmann genannt „Toni“, geb. 21.04.1909 in Berlin-Rixdorf. Toni ist Schriftsetzer, ist ledig und wohnt Böhmische Straße 8 bei seinen Eltern.

Doch für das ausschweifende Nachtleben reicht der schmale Gesellen-Lohn von etwa 40 RM pro Woche nicht aus. Reinhold Hoppe macht Schulden bei Freunden und Bekannten, ist ohne festen Wohnsitz, arbeitet nebenbei als Aushilfe im „Zum Weltkrug“ und als Stricher. 1931 erwischt ihn die Polizei bei verbotenem Kartenspiel, die Strafe beträgt 10 RM. Anfang 1932 zeigt ihn ein Zuhälter wegen Diebstals an, nachdem Reinhold sich weigerte, für ihn auf den Strich zu gehen. Am 04. Februar 1932 wird Hoppe vom Amtsgericht Berlin-Mitte wegen Unzucht und Diebstahls zu mehrmonatiger Haft verurteilt. In den folgenden Jahren wird er mehrfach wegen Einbruchdiebstahls angezeigt.

Im Juni 1936 ist „Rita“ jeden Abend in ihrem Lieblingslokal „Zum Weltkrug“. Hier trifft sich nicht nur die Berliner Unterwelt, der „Weltkrug“ ist auch beliebter Treffpunkt von Homosexuellen und Transvestiten. Hoppe freundet sich mit dem Kellner Erwin Voigt und dessen Verlobten Franziska Lange an, die hier ebenfalls als Aushilfe tätig ist. Franziska und Erwin wohnen gemeinsam in der Schliemannstraße 46, Berlin-Prenzlauer Berg, Quergebäude, drei Treppen. Beim Wirt des „Weltkrugs“ stößt Hoppes übertriebene Feierlaune auf wenig Verständnis. „Rita“ gilt als „auffällig“, ständig herumtänzelnd um potentielle homosexuelle Partner und Strichjungen. Weihnachten 1937 erteilt der Wirt Lokalverbot, das Hoppe aber ignoriert.

Am Silvestertag 1937 erhält Franziska Lange Besuch von Reinhold Hoppe. Ihr Verlobter Erwin ist nicht zu Hause. Hoppe trägt einen Anzug, „Ritas“ Damengarderobe für die geplante pompöse Silvesterfeier am Abend ist noch in einem Wäschebeutel eingepackt. Feiern wird sie mit ihrer guten Freundin Gertrud Schmidt geb. Gülle, 15.05.1897 in Berlin geboren und deren Sohn Heinrich. Nach dem Kleiderwechsel macht sich Hoppe, geschminkt und gepudert, auf den Weg zu Gertrud und Heinrich in deren gemeinsamer Wohnung Fürstenbergstraße 4, Berlin-Mitte. Seinen Anzug will er am nächsten Morgen bei Franziska wieder abholen.

Das Moka Efti

Das Moka Efti in der Friedrichstraße Ecke Leipziger Straße wurde 1943 durch Bomben zerstört. Heute befindet sich hier das 1997 fertiggestellte siebenstöckige Büro- und Geschäftshaus „Atrium Friedrichstraße“. Quelle: Landesarchiv Berlin F Rep. 290 (01) Nr. 0162988 / Foto 1936: Mock, Hermann

Die Silvesterfeier findet im Moka Efti statt. Im März 1929 eröffnete der Italiener Eftimiades an der Friedrichstraße 59-60 Ecke Leipziger Straße 101-102 das Café- und Tanzhaus mit Fischrestaurant, dessen Zugang zur ersten Etage über eine Rolltreppe erleichtert wurde. Auch Silvester 1937/38 ist die 2800 Quadratmeter große Lokalität mit direkter U-Bahn-Anbindung ein beliebter Treffpunkt für Homosexuelle und Transvestiten. Daran können auch die ab 1938 rund um das Lokal angebrachten Schilder „Swing Tanzen verboten!“ nur wenig ändern.  „Rita“ trägt eine wärmende Pelzjacke, darunter ein Kleid sowie Samtschuhe. Sie tanzt bis in den frühen Morgen mit zahlreichen Männern, kaum einer hegt den Verdacht, einen Mann über das Parkett zu führen.

Am Neujahrstag 1938 gegen 4 Uhr früh verlassen „Rita“, Gertrud und Heinrich die Feier, Heinrich ist müde und geht nach Hause. „Rita“ und Gertud wollen weiter feiern, natürlich auch im „Weltkrug“. Auf dem abschließenden Nachhauseweg zu Gertruds Wohnung treffen sie auf den leicht angetrunkenen Willi Voigt, geboren 24.02.1905 in Treuenbrietzen, Kraftfahrer, verheiratet. Er hatte zuvor mit seiner Ehefrau und seinen Nachbarn ausgiebig Silvester gefeiert und befindet sich nun nach mehreren Lokalbesuchen allein auf dem Rückweg nach Hause, Wolliner Straße 4, in Berlin-Mitte. Nach einem stimmungsvollen „Prost Neujahr“ fallen sich „Rita“ und Voigt spontan um den Hals und beginnen Küsse auszutauschen. Voigt glaubt, eine „mannstolle Frau“ im Arm zu halten und überhört Gertruds Warnung „Sehen Sie denn nicht, dass es ein Mann ist?“. Die beiden Männer scheinen unzertrennlich. Gertrud setzt ihren Weg nach Hause allein fort. „Rita“ und der lustvolle Willi Voigt suchen sich einen geschützten Hausflur. Es kommt zum Schenkelverkehr. Die anschließende Einladung zu einem Trunk lehnt „Rita“ ab. Voigt muss allein gehen, stellt jedoch kurze Zeit später fest, dass ihm 25 RM aus der Hosentasche fehlen. Er geht in die Wolliner Straße zurück, findet „Rita“ und will sein Geld, droht mit der Polizei.

Unter dem Vorwand, das Geld aus der Wohnung zu holen, lockt „Rita“ den erbosten Voigt, der Hoppe immer noch für ein junges Mädchen hält, in die Fürstenberger Straße, wo Gertrud Schmidt wohnt. Voigt beobachtet von der Straße aus, wie „Rita“ die Wohnungstür der Freundin aufschließt und dann verschwindet. Als Voigt klingelt hat Hoppe die Wohnung bereits verlassen. Voigt lässt sich nicht abweisen und so führt Gertrud Schmidt ihn in das Zimmer ihres bereits schlafenden Sohnes Heinrich, den Voigt für den nunmehr abgeschminkten Dieb hält.

Zu Hause beichtet er den Vorfall seiner Frau und geht am Neujahrsmorgen zum Polizeirevier 6 in der Brunnenstraße, um den Diebstahl der 25 RM anzuzeigen.

Kriminaloberassistent Kurt Reiche nimmt die Anzeige auf und begleitet wenig später Willi Voigt zu Reinhold Hoppes Freundin Gertrud Schmidt. Hier erfährt Voigt, dass „Rita“ ein Mann ist und Reinhold Hoppe heißt. Sofort machen sich der Kripobeamte und Voigt auf den Weg zu Hoppes Wohnadresse, Lortzingstraße 12 bei Kunze, Berlin-Wedding, Gesundbrunnen. Doch der Untermieter hier ist seit Silvester nicht mehr aufgetaucht, auch im „Weltkrug“ weiß niemand, wo sich „Rita“ aufhält. Der Fall wird an die Stapo B3 übergeben. Kriminalsekretär Paul Ziebell übernimmt den Fall und lässt Hoppes Wohnung beobachten.

 „Rita“ war am Neujahrstag 1938 nach dem Vorfall mit Voigt wieder in ihrem Stammlokal „Weltkrug“ erschienen – noch in ihrer Silvestergarderobe - und hatte den Gästen Bier ausgegeben. Wegen des bestehenden Lokalverbots wird sie von Kellner Erwin aus dem Lokal geleitet. Beide verabreden sich jedoch, anschließend mit der Verlobten Franziska, ein weiteres Lokal zu besuchen. Nach dem Umtrunk begleitet „Rita“ beide in deren Wohnung, wo sie auch übernachtet. Am nächsten Morgen zieht Reinhold Hoppe seinen hinterlegten Anzug an, „Ritas“ Silvestergarderobe lässt er dort. Als er von seiner Vermieterin und von seiner Freundin Gertrud Schmidt erfährt, dass die Kriminalpolizei nach ihm sucht, übernachtet er zunächst einige Tage bei Gertud Schmidt, um dann doch in die Wohnung Lortzingstraße zurückzukehren.

Am 06. Februar 1938 wird Reinhold Hoppe in der Wohnung angetroffen und sofort von der Gestapo festgenommen. Bei der Durchsuchung der Schränke seines Zimmers findet Kriminalsekretär Ziebell nicht nur Hoppes komplette Damengarderobe und Utensilien, es werden mehrere unter der Kleidung im Schrank versteckte Fotos und handschriftliche Briefe entdeckt. Der übereifrige Stapo-Beamte fertigt Abschriften an, denn einige der Absender sind dem Homosexuellendezernat bekannt. Dazu gehört auch eine Weihnachtskarte und ein Posteinlieferungsschein des Transvestiten Kurt „Toni“ Kaufmann, den der Kriminalsekretär am 16. Februar 1938 zum Verhör in seine Dienststelle bestellt. Bereits 1936 wegen Vergehens nach § 175 StGB verurteilt gesteht Kaufmann die gemeinsamen Lokalbesuche mit Reinhold Hoppe, sexuelle Handlungen mit ihm streitet er ab: „Hoppe ist ebenso eine Tunte wie ich, das heißt weiblich veranlagt. Mein Typ sind junge Männer in den zwanziger Jahren. Nach meiner Ansicht hat Hoppe denselben Typ. Es ist auch richtig, dass ich in homosexuellen Kreisen „Toni“ genannt werde, ebenso wird Hoppe „Rita“ genannt.“

 

Reinhold Hoppe in Boxer-Pose.

Reinhold Hoppe in Boxer-Pose. Das Foto wurde bei der Durchsuchung seines Kleiderschranks am 06. Februar 1938 von der Gestapo beschlagnahmt. Foto: Landesarchiv Berlin A Rep 358-02 Nr. 26566 Strafakte Reinhold Hoppe

Die in der Wohnung von Franziska Lange und Willi Voigt sichergestellten Kleidungsstücke, die „Rita“ in der Silvesternacht getragen hatte sowie die in Hoppes Zimmer gefundenen Frauenkleider werden beschlagnahmt, nach Ansicht des Staatsanwalts handle es sich um „Gegenstände, die zur Ausführung der strafbaren Handlungen benutzt“ wurden.

Am 9 Februar 1938 wird Reinhold Hoppe ins Untersuchungsgefängnis Lehrter Straße eingeliefert. Gertrud Schmidt besucht ihren Freund regelmäßig.

Am 24. April 1938 verurteilt ihn Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer zu 1 Jahr und 3 Monaten Gefängnis wegen Unzucht (§ 175 StGB) und zu 6 Monaten Gefängnis wegen Diebstahls (§ 242 StGB). „Ritas“ zuvor beschlagnahmte Damengarderobe wird endgültig eingezogen. Das Tragen von Frauenkleidung hat sich auf das harte Urteil strafverschärfend ausgewirkt. In seiner Urteilsbegründung wettert der vorsitzende Richter Sponer über den Angeklagten, der „in der widerlichsten Weise die Silvester-Stimmung ausnutzte, um den Zeugen Voigt zu umgarnen und nach der Art übler Straßendirnen zu bestehlen. Der Angeklagte hat ferner das Geld sofort verprasst, während der Zeuge Voigt sich mit seiner Frau infolge dieses Diebstahls in Not befand.“

Reinhold Hoppe bleibt nach dem Urteil im Gefängnis Lehrter Straße, die Anstalt hatte bei der Staatsanwaltschaft erfolgreich um den Verbleib des versierten Schneiders in der Anstaltsschneiderei gebeten. Am 18. August 1938 wird er in das Strafgefängnis Berlin-Tegel überführt.
Mehrere Versuche, seine beschlagnahmte Damenkleidung doch noch zurückzubekommen, werden von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Am 21. September 1938 schreibt ihm Staatsanwalt Jenrich in Gefängnis Tegel, er sehe die „Sache als erledigt“ an.

Reinhold Hoppe wird am 13. Oktober 1939 aus dem Strafgefängnis Tegel nach Hause in die Lortzingstraße 12, entlassen. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep 358-02 Nr. 26566 Strafakte Reinhold Hoppe wegen Unzucht und Diebstahl (AZ: 79 Ms 27/38 336/44)
Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 9935 Personalakte Gefängnis Berlin-Tegel