Johann Scheff, Spitzname „Jonny“ und Max Spottock

Weihnachten 1936 lernen sich der wohnungs- und erwerbslose Gelegenheitsarbeiter Johann Scheff, geb. am 28. August 1915 in Berlin und der seit 1931 ebenfalls erwerbslose Tischler Max Spottock, geb. 27. März 1891 in Berlin, geschieden, auf der Straße kennen. Die Männer haben die gleichen Neigungen. Beide sind der Polizei seit Jahren als Homosexuelle und Transvestiten bekannt, Spottock bereits seit 1926. Scheff ist als Stricher in Frauenkleidern rund um die Bedürfnisanstalt Baerwaldstraße in Berlin-Kreuzberg auf der Suche nach jungen homosexuellen Männern.

Johann Scheff

Johann Scheff, erkennungsdienstliche Fotos 1932. Quelle: Strafakte Johann Scheff, Landesarchiv Berlin

Johann Scheff, eines von 11 Geschwistern, beendet mit 14 Jahren, die 52. Gemeindeschule in der Memelerstraße (heute Marchlewskistraße), Berlin-Friedrichshain. Kurz danach wird er auf der Straße von einem fremden Mann angesprochen, lässt sich in das Kino am Moritzplatz einladen und anschließend in dessen Wohnung mitnehmen. Mit 16 habe sich, so gibt er später zu Protokoll, sein Triebleben gesteigert und er sei dann „nach und nach der Homosexualität verfallen“. Seine Strichergänge in Frauenkleidern bleiben nicht verborgen, 1932 wird Scheff aufgegriffen und in den „Lindenhof“, der 1896 für 200 Insassen eröffneten „Zwangs-Erziehungsanstalt in Lichtenberg“, gebracht. In der Homosexuellenkartei der Polizei ist er als „homosexueller Transvestit“ erfasst. 1934 dann die erste Haftstrafe, das Jugendgericht Berlin verurteilt ihn zu 2 Monaten wegen Diebstahls. 1935 muss Scheff nach Urteil des Schöffengerichts in Potsdam wegen widernatürlicher Unzucht für 18 Monate ins Gefängnis. Die Strafe hat er am 14. September 1936 verbüßt. Danach kommt Scheff bei einer „Frau Knebel“, Königsberger Straße 30, Berlin-Lichterfelde, in Pflege und muss öffentliche „Pflichtarbeit“ für die Stadt Berlin leisten.

Anders als Scheff wächst Max Spottock als Einzelkind in einem behüteten Haushalt auf, gleichgeschlechtliche Gefühle hat er nicht, glaubt aber, „der Onanie verfallen“ zu sein, schon seine Eltern hätten Versuche unternommen, ihn „von dem Laster zu befreien“. Nach der Gemeindeschule absolviert Spottock eine dreijährige Lehre als Tischler. 1911 heiratet er, verliert seine Frau bereits 5 Monate später an Kindbettfieber. Spottock kann diesen Verlust kaum verkraften, er leidet vermehrt unter psychischen Störungen und auch sein schmerzender Rücken bereitet ihm zunehmend Probleme. Max Spottock ist nur noch eingeschränkt arbeitsfähig, versucht sich seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu beschaffen. Zwischen 1916 und 1922 muss er wegen mehrfachen Diebstahls, Betrug und Urkundenfälschung insgesamt 6 Jahre und 4 Monate ins Gefängnis. Er heiratet erneut. Als auch diese Ehe 1926 scheitert, zieht Spottock zu dem homosexuellen Arbeiter Emil Kalisch in dessen Wohnung. Nach mehreren Jahren Zusammenlebens wird das gleichgeschlechtliche Verhältnis der beiden Männer durch eine anonyme Anzeige beendet. Spottock wird wegen „Widernatürlicher Unzucht“ zu 6 Monaten, Kalisch zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung bezieht Max Spottock eine kleine Wohnung (Stube und Küche) in der Roßstraße 8, Berlin-Mitte (heute Fischerinsel). Er kann kaum noch als Tischler arbeiten, muss soziale Unterstützung in Anspruch nehmen. Im Mai 1935 begibt er sich wegen einer Malariaerkrankung wiederholt zur Behandlung in die Nervenklinik “Wiesengrund“, Teil der Wittenauer Heilstätten in Berlin-Reinickendorf.

Kurz vor Weihnachten 1936 ist Max Spottock froh, in dem jüngeren Johann Scheff einen neuen Freund zu finden. Er nimmt ihn mit in seine Wohnung. Kurz darauf zieht Scheff als Untermieter ein. Doch Spottock fühlt sich bald ausgenutzt. Scheff erhält von ihm öfter kleine Geldgeschenke, gibt von seiner Arbeitslosenunterstützung aber weder etwas für Miete noch für Essen dazu. Es kommt zu Spannungen.

Am 30. März 1937 ziehen die beiden Männer nach Hamburg. Hier wohnen sie in der Friedrichstraße 65 zur Untermiete. Spottock will versuchen, für sich und seinen Partner auf einer der großen Werften Arbeit zu finden. Scheff ist einverstanden, denn in Berlin sind seine Einkünfte durch Strichergänge erheblich geschrumpft, die Polizei beobachtet ihn.

Spottock fährt kurz darauf nach Berlin zurück, um seine Wohnung aufzugeben und die Möbel zu verkaufen. Als er nach Hamburg zurückkehrt, ist Scheff als Stricher auf der Reeperbahn unterwegs, bringt seine Bekanntschaften mit in die gemeinsame Wohnung. Er will sogar Geld von Spottock, um sich Frauenkleider zu kaufen und als Transvestit mehr Erfolg auf dem Hamburger Strich zu haben.

Für Spottock bedeutet das die endgültige Trennung, er reist am 6. April 1937 allein nach Berlin zurück, bemerkt dabei den Verlust von 80 RM. Bei der Berliner Gestapo erstattet er Anzeige gegen Scheff wegen Diebstahls. Die Ermittlungen der von Berlin informierten Gestapo Hamburg verlaufen jedoch ohne Ergebnis. Bei der Observierung der Hamburger Wohnung wird nur der wohnungslose Melker Erich Keßler, geboren 06.04.1917 in Königsberg, angetroffen, den Scheff auf der Reeperbahn kennengelernt und von dem er sich Geld geliehen hatte. Scheff selbst ist aus der Wohnung verschwunden. In ihrem Bericht an die Berliner Gestapo vom 30. Juni 1937 vermerkt die Hamburger Polizei: „Scheff und Spottock waren und sind hier nicht gemeldet und auch in der Hotel- und Herbergsdatei nicht zu ermitteln. Bei den regelmäßig stattfindenden Überholungen der Homo-Lokale wurden sie nicht angetroffen. Spottock hat hier einen einschlägigen Vorgang aus dem Jahre 1935 (Tagebuch Nr. 1696/35 II F 36). Scheff ist hier einschlägig noch nicht bekannt geworden. Karten gefertigt.“

Johann Scheff hat inzwischen Hamburg verlassen und sich auf einem Polizeirevier in Dresden gemeldet. Er gibt an, dass er von Spottock das Geld nur deshalb genommen hat, weil dieser ihn mittellos in Hamburg zurückgelassen hat. Spottock habe ihm die 80 RM jedoch inzwischen wieder abgenommen. Die Kripo Dresden entlässt Scheff nach Berlin. Doch dort ist das Homosexuellendezernat der Staatspolizeileitstelle (Stapo B 3) vorbereitet: „Scheff wird, sobald er in Berlin auftaucht, hinsichtlich seiner homosexuellen Betätigung besonders überwacht“ (Vermerk von 12. Juli 1937).

Am 24. Oktober 1937 schreibt Max Spottock einen handschriftlichen, anonymen Brief an die Stapo B 3. Mit der Unterschrift „Ein Volks Genosse“, erstattet er Anzeige gegen seinen ehemaligen Partner Scheff, der sich an der Bedürfnisanstalt an der über den Landwehrkanal führenden Baerwaldbrücke in Berlin-Kreuzberg 17-jährige Jungen suche, um mit ihnen „Widernatürliche Unzucht“ zu treiben. Er bittet dringend „um Einschreiten gegen Genannten“. Das Homosexuellendezernat führt daraufhin eine berlinweite Suchaktion gegen Johann Scheff durch.

Am 11. November 1937 wird Scheff in der Wohnung seiner Eltern, Königsberger Straße 37, Horst-Wessel-Stadt (heute Fredersdorfer Straße in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg), festgenommen und zunächst durch Kriminaloberassistent Walter Tornow und Kriminalsekretär Dietrich Bünting in das Polizeigefängnis eingeliefert. Am 12.11.1937 lässt ihn Tornow zum Verhör vorführen. Scheff gibt die sexuellen Handlungen mit Spottock in dessen Wohnung und den Diebstahl der 80.- RM zu. Er sei homosexuell veranlagt und beschäftige sich gern mit „Frauenarbeiten“. Scheff gibt auch zu, auf der Promenade in der Baerwaldstraße einen Mann kennengelernt zu haben, mit dem er am Planufer nach einem gemeinsamen Kinobesuch am Moritzplatz onanierte, habe aber dafür kein Geld bekommen. Tornow notiert im Bericht des Homosexuellendezernats über das Verhör: „Scheff bestreitet, weitere Männerbekanntschaften gemacht zu haben. Seine Angaben in dieser Hinsicht erscheinen jedoch nicht glaubhaft, wenn berücksichtigt wird, dass er bereits mit 16 Jahren der männlichen Prostitution verfiel und als Transvestit auftrat.“ Am 15. November 1937 wird Scheff in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überführt. Auch Spottock wird wenig später festgenommen und nach umfassendem Geständnis in das Polizeigefängnis gebracht.

Aktenanforderung der Berliner Kriminalinspektion

Aktenanforderung der Berliner Kriminalinspektion Vorbeugung vom 09.04.1941. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Johann Scheff

Das Schöffengericht Berlin Abt. 603 verurteilt den 22-jährigen Scheff am 12.02.1938 zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Am 15.02.1938 wird er in das Strafgefängnis Plötzensee eingeliefert.

Max Spottock, in der Verhandlung von Rechtsanwalt und Notar Dr. jur. Walther Niemann als beigeordneter Offizialverteidiger vertreten, wird zu 1 Jahr Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. Der vorsitzende Richter, Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer, ordnet die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt auf Kosten des Verurteilten an, „da er bei seiner homosexuellen Einstellung eine öffentliche Gefahr ist und dies die öffentliche Sicherheit erfordert“. Am 15.02.1938 wird Spottock zunächst in das Strafgefängnis Tegel überführt.

Im Mai 1939 muss der in Plötzensee inhaftierte Johann Scheff erneut vor Gericht. Im Strafverfahren gegen den Angestellten Kurt Bittmann, geboren 29.07.1905 und dessen homosexuelle Partner werden Scheffs zahlreiche gleichgeschlechtlichen Beziehungen offenbart (AZ 72 Ms 25/39). In der Hauptverhandlung am 31. Mai 1939 ordnet Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer Überhaft an und verhängt eine Gesamtstrafe von 2 Jahren und 2 Monaten. Scheff wird von Berlin-Plötzensee für 5 Monate in das Gerichtsgefängnis Forst in der Lausitz verlegt, um für den Rest der Strafe wieder nach Plötzensee zurückgeführt zu werden. Am 12. Januar 1940 wird er nach Strafverbüßung zu seinen Eltern entlassen.

Aber bereits Pfingsten 1940 wird Johann Scheff erneut erwischt, nachdem der auf dem Berliner Alexanderplatz den Homosexuellen Erich Schrobsdorff, geboren 06.05.1885, kennengelernt und mit ihm gleichgeschlechtlich verkehrt hat. Nach knapp dreimonatiger Schutz- und zweimonatiger Untersuchungshaft verurteilt ihn das Landgericht Berlin im Oktober 1940 zu 2 Jahren Zuchthaus, die er im Zuchthaus Brandenburg Görden, im Gefangenenlager Rhede/Ems und im Zuchthaus Celle verbüßt.

Max Spottock, der nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe im Februar 1939 in die Wittenauer Heilstätten Berlin-Reinickendorf überführt wird, bittet vergeblich um Entlassung. Seine Gnadengesuche mit dem Versprechen, ab sofort „einen anständigen und ordentlichen Lebenswandel“ führen zu wollen, werden von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Am 01. April 1940 verlegt man ihn nach Lobetal in die Hoffnungstaler Anstalten bei Bernau. Nach mehrmonatiger Behandlung bittet Spottock um Entlassung, doch die Lobetaler Anstalt lehnt ab: „Bald nach seiner Aufnahme machte er fast nur Bekanntschaften mit solchen Insassen, die in gleicher Weise belastet sind. An eine charakterliche Festigung vermögen wir zur Zeit nicht zu glauben… und halten eine Anstaltsbetreuung bis auf ein Jahr für notwendig und zweckmäßig“ (Schreiben an das Amtsgericht Berlin am 29. Juli 1940). Erst im Januar 1941 wird Spottock aus Lobetal entlassen und in das Männerheim der Berliner Stadtmission, Dessauer Straße 36, Berlin-Kreuzberg, verlegt. Hier wird er der persönlichen Aufsicht des Leiters der Einrichtung, Stadtmissionar Itzek unterstellt. Bei „Rückfall“ droht ihm die Rückführung nach Lobetal.  Auch die Kriminalinspektion Vorbeugung (KI. Vorb. 4) interessiert sich für ihn und fordert am 9. April 1941 eine Abschrift des Urteils vom 12.02.1938 (Az.: 89 Ms 10/38) an. Am 12.02.1942 hebt der Missionsleiter die Betreuung Spottocks auf, „da sie nicht mehr erforderlich ist“.

Die Frage, ob Max Spottock danach in Freiheit entlassen oder der KI. Vorb. 4 zugeführt wurde und in Vorbeugehaft kam, bleibt unbeantwortet. Über Johann Scheff gibt es Hinweise auf Strafverfahren gegen ihn aus den Jahren 1948 (Berlin, Az.: 14 KLs 6/48), 1950 (Hannover, Az.: 14 KLs 16/50), 1952 (Berlin, 14 KLs 21/52) und 1959 (Celle, Az.: 20 KLs 8/59). Einzelheiten über die Verfahren sind unbekannt.

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 56643 Strafakte Johann Scheff (AZ: 89 Ms 10/38), § 175 StGB
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 20120 Strafakte Bittmann u.a. (72 Ms 25/39) § 175 StGB
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 44318 Strafakte Johann Scheff (85 KLs 36/40) § 175 StGB
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 101794 Strafakte Max Spottock (121 Hs 40/45) Einweisung Heil- und Pflegeanstalt
Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 17008 Gefangenenakte Max Spottock (89 Ms 10/38)