Heinz Karl Alfred Grewe, Stiefelfrau im „Eldorado“

Zeichnung des „Eldorado-Eingangs vom September 1930

Zeichnung der Frontansicht des „Eldorado-Eingangs vom September 1930. In der Mitte ist der Durchgang mit der Treppe zu den Auguste-Victoria-Sälen zu erkennen. Zeitgenössische Fotos des ersten „Eldorado“ sind selten. Quelle: Landesarchiv Berlin, Bauakte Lutherstraße 31/32

1926 eröffnet der Berliner Gastronom Ludwig Konjetschni das „Eldorado“, ein „für die weltstädtische Schaulust inszenierter Transvestitenbetrieb“ (Kurt Morek 1931 in seinem „Führer durch das lasterhafte Berlin“) in der Lutherstraße 31/32 in Berlin-Charlottenburg gegenüber der berühmter Varieté-Bühne „Scala“ in der Lutherstraße 23/24 (1920 bis 1943). Heinz Grewe ist dort mit anderen Transvestiten in Frauenkleidern als Eintänzer und Ansager für die Unterhaltung der Gäste zuständig. Grewe, am 26.06.1904 in Schöneberg (damals noch ein Vorort Berlins) geboren, trägt auch in der Öffentlichkeit ausschließlich Frauenkleider, wird deshalb von der Polizei beobachtet. Im „Eldorado“ tritt er als sogenannte „Stiefelfrau“ auf und sorgt damit bei den Gästen für erotische Animation. Mit manchen kommt es zu wechselseitiger Onanie. In den Akten der Sittenpolizei ist „Artist“ als Berufsbezeichnung vermerkt.

Innenansichten der beiden „Auguste
Victoria-Säle“

Die Postkarte (um 1900) zeigt Innenansichten der beiden „Auguste Victoria-Säle“ (später Luther-Säle) im 1. Obergeschoss des Hauses Lutherstraße 31/31. Die untere Ansicht zeigt den Innenhof. Der Eingang in das 1926 eröffnete Eldorado befand sich im Erdgeschoss auf der linken Seite. Postkarte: Privatbesitz

1929 übernimmt Maria Seyring, seit 1926 Inhaberin des im 1. Obergeschoss des Hauses Lutherstraße 31/32 befindlichen „Luther-Casinos“, das „Eldorado“ von Ludwig Konjetschni, der ein zweites, größeres Transvestitenlokal mit gleichem Namen und Konzept an der Kalkreuth- Ecke Motzstraße eröffnet. Die unmittelbare Konkurrenz schafft bald Probleme. 1931 strengt der Hauseigentümer Paul Becker ein Räumungsverfahren wegen Nichtzahlung der Miete gegen die Pächterin Seyring an. Zeitgleich droht die Abteilung II des Polizeipräsidiums mit einem Verbot des gesamten Bühnenprogramms, weil das „Eldorado“ über keine nach Männern und Frauen getrennten Umkleideräume verfügt. Da aber ausschließlich „männliche Darsteller im Kostüm“ auftreten, bleibt es bei einer Ermahnung.

 

Das zweite größere „Eldorado“

Das zweite, größere „Eldorado“ bestand von 1929 bis Oktober 1932. Im Februar/März 1933 nutzen die Nazis das geschlossene Lokal für ihre Wahlplakate zu den Reichstagswahlen Quelle: Landesarchiv Berlin, Bildarchiv

Die Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 und der zunehmende Druck durch Polizei und Justiz bedeuten das Ende der beiden Transvestitenlokale. Im Oktober 1933 wird das „Eldorado“ in der Lutherstraße nach monatelangem Leerstand von einem neuen Besitzer übernommen und als „Singspieltheater“ weitergeführt. Bereits im Oktober 1932 gibt Ludwig Konjetschni sein „Eldorado“ in der Motzstraße auf.

Stiefelfrau Heinz Grewe ist ohne Arbeit. Er versucht, mit dem Verkauf seines Schmucks und als Straßenhändler für Blumen seinen Lebensunterhalt zu sichern. Doch er wird von Konkurrenten betrogen, ist danach vollkommen mittellos, muss seinen Blumenhandel einstellen.

In seiner Notlage entschließt er sich zur Prostitution. Als Stiefelfrau hält er fortan in der Umgebung der beiden geschlossenen Lokale zwischen Luther- und Motzstraße Ausschau nach Kunden. Er profitiert von seiner Bekanntheit aus dem „Eldorado“. Sein Monatsverdienst liegt zwischen 250 und 300 RM. 1934 wird Heinz Grewe aufgegriffen und wegen gewerbsmäßiger Unzucht in Frauenkleidern mit 6 Wochen Haft bestraft. Außerdem muss er sich alle 4 Wochen unter Aufsicht des Gesundheitsamtes auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen.

Am 26.01.1935 wird Heinz Grewe erneut von einer Polizeistreife auf der Motzstraße in Frauenkleidern festgenommen. Im Verhör legt er ein Geständnis ab. Er beteuert aber, nicht homosexuell zu sein und sich nur zur Sicherung seines Lebensunterhalts prostituiert zu haben. Die Namen der Männer, die er in einschlägigen Lokalen oder auf der Straße zum gleichgeschlechtlichen Verkehr kennengelernt hatte, nennt Grewe jedoch nicht. Der ermittelnde Kriminalassistent auf Probe Wilhelm Rudnik von der Staatspolizeileitstelle B 3 beantragt Schutzhaft. Grewe wird in das Konzentrationslager Columbia in Berlin-Tempelhof eingeliefert. Am 29.01.1935 überführt ihn ein Transport in das Konzentrationslager Lichtenburg bei Prettin in Sachsen, wo Grewe 6 Monate eingesperrt wird. Während seiner Haft durchsucht die Polizei seine Berlin-Schöneberger Wohnung, Neue Winterfeldstraße 32 in Untermiete bei Sundermann. Verwertbare Beweise für die ausstehende Anklage findet sie nicht.

Auftritte internationaler Künstler
machten die „Scala“ weltweit bekannt.

Auftritte internationaler Künstler machten die „Scala“ weltweit bekannt. Ein Besuch galt als „Muss“ für das gut betuchte Bürgertum, das sich den teuren Eintritt leisten konnte. Das im jüdischen Besitz befindliche Varieté- Theater wurde von den Nazis „arisiert“. Quelle: Landesarchiv Berlin, Bildarchiv

Im KZ Lichtenburg erkrankt Grewe an schwerer Grippe und Gelenkrheuma. Nach seiner Entlassung im Juli 1935 wird er bis März 1936 im Auguste-Viktoria-Krankenhaus, Berlin- Schöneberg, behandelt. Danach führt Grewe ein „normales“ Leben, nimmt seinen Straßenhandel wieder auf, besitzt eine Mitgliedskarte der Wirtschaftsgruppe „Ambulantes Gewerbe“. Polizeilich steht er weiterhin unter Beobachtung, bleibt aber unauffällig. So kann Kriminalassistent Sonnemann vom Homosexuellendezernat KI M S 1 im Januar 1937 in seinem Schlussbericht an die Berliner Staatsanwaltschaft keine neuen Ermittlungsergebnisse mitteilen.

Doch Grewes Verfolger bei Polizei und Justiz wollen die Verurteilung des ehemaligen Transvestiten. Am 17.02.1937, anderthalb Jahre nach der Entlassung aus dem KZ, erlässt Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer Haftbefehl gegen Grewe. Er wird am 01.03.1937 in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit eingeliefert. Grewe ist über seine erneute Verfolgung entsetzt. In seinem handschriftlichen Brief vom 11.03.1937 aus dem Moabiter Untersuchungsgefängnis an das Amtsgericht Berlin ist zu lesen: „Der beste Beweis, dass ich jetzt einen anständigen Lebensunterhalt führe, ist wohl, dass man die über mich verhängte Kontrolle durch das Gesundheitsamt Berlin aufgehoben hat, denn dies geschieht doch nur nach eingehender Beobachtung und Recherchen.“

Doch Amtsgerichtsrat Sponer kennt kein Erbarmen. Am 31.03.1937 fällt er als Vorsitzender Richter nach nur 20-minütiger Verhandlung vor dem Schöffengericht das Urteil wegen „Widernatürlicher Unzucht“ nach § 175 StGB: 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis. Grewes Haft im KZ wird als verbüßte Untersuchungshaft anerkannt. Der Amtsgerichtsrat in seiner Urteilsbegründung: „Ferner war straferschwerend zu berücksichtigen, dass der Angeklagte 11 Jahre lang als Transvestit sich betätigte und der Polizei seit langem als Strichjunge bekannt war. Es kam ferner in Betracht, dass der Angeklagte jahrelang in einer Zeit, als andere Volksgenossen von öffentlicher Unterstützung kärglich leben mussten, bei einem Einkommen von 300,- RM ein Wohlleben führte und sich ernster Arbeit entwöhnt hat.“ Heinz Grewe wird am 02.04.1937 in das Gefängnis Berlin-Tegel eingeliefert. Oberstaatsanwalt Keßler lehnt Grewes im Juli 1937 gestellten Gnadengesuch ab. Am 03.12.1937, 12.30 Uhr, wird er aus dem Gefängnis „nach Berlin entlassen“. Das weitere Schicksal Heinz Grewes ist bislang unbekannt.

Text: Bernd Grünheid

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 127623-127626 Justizakte Heinz Grewe (AZ: 77 Ms 16/37)
Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 8487 Gefangenenakte Heinz Grewe, Strafgefängnis Berlin-Tegel
Landesarchiv Berlin B Rep. 211 Nr. 1652 Bauakte Lutherstraße 31/32