Heinrich Becker, Tänzerin beim Varieté

Heinrich Becker wird am 20.06.1896 im hessischen Offenbach am Main geboren. Sein Vater Karl ist Pfandleiher. Heinrich hat 6 Geschwister. Nach dem Besuch der Volksschule bis zur letzten Klasse soll er auf Wunsch der Eltern zunächst ein Handwerk erlernen. Doch Heinrich hat keinen Gefallen an einem „Männerberuf“ und findet stattdessen Anstellung an einem Theater - als Damenimitator. Seine Tänze in Frauenkleidern mit männlichen Partnern sind besonders beliebt. Der Erfolg am Varieté führt ihn zu Engagements in verschiedenen deutschen Städten und sogar ins Ausland.

Auch privat trägt Heinrich Becker oft Frauenkleider. Sie erleichtern ihm den Kontakt zu gleichgeschlechtlichen Partnern. In einem späteren Polizeiverhör gibt er zu Protokoll: „Ich habe mich immer nur für Männer interessiert. Ich glaube, dass es seit meiner Geburt ist. Es kann eine Vererbung sein.“

1914 wird Becker eingezogen. Er fällt ihm schwer, das sorglose, bunte Leben als Varietétänzerin aufzugeben. 1917 verurteilt ihn das Gericht der Etappenkommandantur wegen „unerlaubter Entfernung in Tateinheit mit Selbstbefreiung und schweren Diebstahls“ zu einem Jahr Gefängnis. Anschließend geht er wieder zurück zum Varieté. Doch Kriegserlebnisse und Haft haben Becker gezeichnet und ihn frühzeitig altern lassen. Er findet kaum noch Engagements und wird straffällig. Anfang der 1920er Jahre muss der Arbeitslose wegen verschiedener Diebstähle, Betruges und anderer Vergehen mehrere Monate ins Gefängnis. Im Mai 1923 verurteilt ihn das Schöffengericht Neusalz an der Oder (heute Polen) zu einer Woche Haft wegen Bettelns.

Nach seiner Haftentlassung geht Becker nach Berlin. Hier wird er wegen Unterschlagung wieder straffällig und deshalb zwischen 1923 und 1925 erneut zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Erst 1926 findet er geregelte Arbeit, unter anderem bei der Berliner Reichsdruckerei.

Heinrich Becker

Dokument der Durchsuchung von Beckers Wohnung durch Krimanalbeamte des Homosexuellendezernats. Quelle: Justizakte Heinrich Becker

Abends genießt er mit Freunden und Freundinnen das Nachtleben in den einschlägigen Lokalen für gleichgeschlechtliche Liebe. Mitte der 1930er Jahre ist er oft in Begleitung der beiden Prostituierten Hilde Michaelis geb. Wenicke (geb. 23.09.1913 in Berlin) und ihrer Freundin Gertrud Liebke, genannt „Peter“ (geb. 06.08.1915 im brandenburgischen Karlshagen). Manchmal trägt auch Becker Frauenkleider. Dies bleibt nicht verborgen. Aus den Unterlagen der Kriminalpolizei aus dem Jahr 1935 geht hervor, dass mehrfach gegen Becker wegen des Verdachts, sich homosexuell zu betätigen, ermittelt wird. Das Verfahren (AZ. 71 Js 601/35) muss zwar aus Mangel an Beweisen eingestellt werden, doch Becker bleibt im Visier der Verfolger. Auch die beiden Frauen sind seit 1943 in der Kartei der Kriminalpolizeileitstelle, Abteilung KI M II 5, vermerkt. 1941 wird Heinrich Becker das Tragen von Frauenkleidung unter Androhung polizeilicher Maßnahmen untersagt.

Im Oktober 1941 ist Heinrich Becker als Laborgehilfe im kosmetischen Laboratorium bei der Firma Kanold, Elsner und Langdorff & Co. beschäftigt. Sein Verdienst beträgt 35,- RM netto wöchentlich. Da wird ihm die Flucht der beiden Soldaten Alfred Wargenda und Hans H., geb. 1921 in Karlsruhe, aus einem Gefangenenlager für Wehrmachtsangehörige in Jüterbog nach Berlin zum Verhängnis. In Zivilkleidung und unter dem falschen Namen Harry Guttmann, erhält der fahnenflüchtige Schütze H. Unterschlupf bei Becker in dessen Kellerwohnung, Holzmarktstraße 44a, Horst-Wessel-Stadt (Berlin-Friedrichshain). Beckers Adresse hatte er von Wargenda, einem ehemaligen Arbeitskollegen Beckers, bekommen. Becker versucht bereits in der ersten Nacht im gemeinsamen Bett vergeblich, sich seinem neuen Mitbewohner sexuell zu nähern. Doch der junge H. wehrt Beckers Berührungsversuche rigoros ab, und so hilft es auch nicht, dass Becker den ganzen Tag in Stöckelschuhen und Frauenkleidern in der Wohnung herumläuft. In den Abendstunden kommt Hilde Michealis mit ihrer Freundin Gertrud Liebke zu Besuch, um mit Becker und dessen neuem Freund auszugehen. Der verdutzte H. sieht zu, wie sich die beiden Frauen küssen. Anschließend besuchen die Vier gemeinsam ein Lokal, das H. „nicht angeben kann. Dort verkehrten offenbar gleichgeschlechtlich gesinnte Männer und Frauen, die ganz ungeniert einander küssten und sich umarmten.“

H. fühlt sich unwohl in der Gesellschaft des homosexuellen Becker und der beiden lesbischen Frauen. Nach 3 Tagen kommt es zum Streit zwischen ihm und Becker. H. verlässt die Wohnung, übernachtet in Luftschutzkellern. Kurz darauf werden H. und Wargenda von der Polizei festgenommen und in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel gebracht. Im Verhör gibt Hans H. zu Protokoll, Becker habe ihn homosexuell belästigt. Das Homosexuellendezernat der Kriminalinspektion Berlin-Mitte (KI M II) erhält eine Abschrift der Aussage. Anfang Dezember 1941 wird Heinrich Becker von Kriminaloberassistent Josef Grimberg vorgeladen und verhört. Er bestreitet alle Aussagen von Hans H.

Am 20.12.1941 durchsuchen Grimberg und Kriminalassistent Walter Tornow Beckers Wohnung. Sie beschlagnahmen mehrere Liebesbriefe, die auf gleichgeschlechtliche Beziehungen aus dem Jahre 1941 hinweisen. Darunter Briefe des Frontarbeiters Willi Ihle (geb. 24.04.1918 in Berlin), des Arbeiters Alfred Kruk (geb. 13.08.1912 in Berlin) und des Wehrmachtsangehörigen Ewald M. (geb. 1921 in Bochum). Von ihm hängt sogar ein großes Portraitfoto, das ebenfalls von den Beamten beschlagnahmt wird, über Beckers Bett. In Ewald hatte sich Becker sofort verliebt, als er ihn zufällig Ende der 1930er Jahre während eines Besuchs bei Hilde Michaelis kennenlernte. Hilde und Ewald waren verlobt, lebten seit 2 Jahren zusammen. Als Ewald M. im September 1941 zur Wehrmacht eingezogen wird, trennt sie sich von ihm und lebt seitdem mit ihrer Freundin Gertrud in Horst-Wessel-Stadt, Kleine Markusstraße 21 (Berlin-Friedrichshain). Gertud Liebke arbeitet bei den Deutschen Waffen- und Munitionswerken in Borsigwalde.

Der homosexuelle Becker glaubt nun, den schmucken jungen Soldaten M. mit Geschenken und Schmeicheleien für sich gewinnen zu können. Beide schreiben sich Briefe. M. besucht ihn in seinen Fronturlauben mehrmals. Der verliebte Becker schenkt ihm seine Uhr, hängt das Foto seines Geliebten über das Bett. Doch alle Versuche, gleichgeschlechtlich mit M. zu verkehren, scheitern. In seinen Briefen findet Ewald M. für den gönnerhaften Becker zwar Kosenamen wie „süßes Frauchen“ und sendet „Tausend Küsse“, aber M. sieht in seiner Beziehung zu Becker ausschließlich seinen materiellen Vorteil. Dies muss sich schließlich auch Becker eingestehen. Zu Gertrud Liebke sagt er: „M. gefällt mir zwar im Äußeren am besten, aber im Bett taugt er nichts.“

 

Barfußtänzerin „Hella“

Portraitfoto des Schützen Ewald M., von der Polizei bei der Wohnungsdurchsuchung bei Becker beschlagnahmt. Quelle: Justizakte Heinrich Becker

Becker wird erneut in das Homosexuellendezernat vorgeladen. Aus Angst vor der drohenden Strafe wendet er sich an Hilde Michaelis. Sein Plan: Um seine homosexuelle Veranlagung zu verbergen, will er Hilde Michaelis als seine Braut ausgeben, mit der er „den Geschlechtsverkehr auf normale Weise“ ausführt. Doch in ihrem Verhör am 29.01.1942 bestreitet sie Beckers Aussagen und macht Angaben über dessen homosexuelle Veranlagung: „Er hat überhaupt alle Männer gern.“ Auch Gertud Liebke verrät der Polizei Beckers Vorliebe für Männer. Sie gesteht zugleich ihre Liebe zu Hilde Michaelis: „Meine Freundin wollte nur in ihrer Vernehmung nicht zugeben, dass wir uns gern haben, sie hat sich wahrscheinlich geniert.“

Mit den belastenden Aussagen der Zeugen konfrontiert, gibt Heinrich Becker am 02.02.1942 seine homosexuellen Kontakte zu. Er wird in Untersuchungshaft genommen. Der junge Soldat Ewald M. muss sich vor dem Wehrmachtsgericht verantworten. Im Verhör streitet er wahrheitsgemäß jeglichen gleichgeschlechtlichen Verkehr mit Becker ab, berichtet aber von dessen ständigen Annäherungsversuchen und sagt aus, er habe Becker in dessen Wohnung im Bett mit einem anderen Mann gesehen.

Am 13.04.1942 wird Heinrich Becker vor der 7. Strafkammer des Landgerichts Berlin nach einer viereinhalbstündigen Verhandlung wegen „fortgesetzter Unzucht und Verleitung zum Meineid“ zu einer Gesamtstrafe von 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Er verbüßt die Strafe im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Am 03.03.1944 wird er in das Arbeitshaus für Männer in Vaihingen an der Enz überführt. Sein Strafende ist für den 21.11.1945 vermerkt. Über die Haftentlassung und den weiteren Verbleib Heinrich Beckers gibt es keine Unterlagen.

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin, A Rep. 358-02 Nr. 19622, Justizakte Heinrich Becker