Fritz Kitzing, Buchhändler

Fritz Paul Kitzing wird am 28.12.1905 in Neuruppin geboren. Sein Vater Paul stirbt, als Fritz 8 Jahre alt ist, seine Mutter Martha muss allein für die beiden Söhne Fritz und Karl sorgen. Nach dem Abgang von der Schule arbeitet Fritz als Buchhändler in Berlin. 1927, gibt er später zu Protokoll, habe er einen reichen, inzwischen verstorbenen Freund gehabt, mit dem er größere Reisen nach Frankreich und in die Schweiz unternommen habe.

Fritz Kitzing

Fritz Kitzing im März 1936 Quelle: Polizeiliche Ermittlungsakte, Landesarchiv Berlin

Ende 1933 wird Fritz Kitzing von der Polizei in Frauenkleidern aufgegriffen und vom Amtsgericht Berlin wegen „Gewerbsmäßiger Unzucht einer Weibsperson“ (§ 361/6 StGB) zu einer Haftstrafe von 4 Wochen und Überweisung an die Landespolizeibehörde verurteilt. Seine Berufung gegen das Urteil scheitert.

Nach Strafverbüßung bringt man ihn in die Arbeitsanstalt Rummelsburg, Berlin-Lichtenberg. Doch auf dem Weg zu einem Zahnarzt kann er seinem Wärter in Anstaltskleidung entfliehen.

Er entkommt nach England. Von April bis Dezember 1934 verdient er sich seinen Lebensunterhalt als Transvestit auf dem Straßenstrich in London, wird jedoch bei einer Razzia aufgegriffen und wegen Sittlichkeitsvergehens zu 40 Schilling Geldstrafe oder 13 Tagen Haft verurteilt.

Als Fritz Kitzing im Dezember 1934 nach Berlin zurückkehrt findet er keine Arbeit. Seine Mutter schickt ihm monatlich 50 bis 70 RM und 2 Lebensmittelpakete. Auch sein in Costa Rica lebender Bruder Karl sorgt für Unterstützung. Fritz kann sich ein möbliertes Zimmer zur Untermiete am Kurfürstendamm 141 in Berlin-Halensee für monatlich 25 RM leisten.

Am 09. Juni 1935 ist Kitzing in Frauenkleidern in der Xantener Straße in Berlin-Wilmersdorf, nahe des Kurfürstendamms unterwegs, als ihm der in kurzer Hose und einfachem Oberhemd bekleidete SS-Mann Herbert Rank begegnet. Die beiden Männer schlendern gemeinsam zum Hochmeisterplatz in Berlin-Wilmersdorf und setzen sich dort auf eine Bank. Während des Plauderns steckt Kitzing seinem Gegenüber die Hand in die Hose. Rank gibt sich als SS-Mann zu erkennen und bringt ihn zum 157. Polizeirevier in die Nestorstraße 45 in Berlin-Halensee. Kitzing wird festgenommen und in das Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz überführt.

Fritz Kitzing

Foto der Staatspolizeileitstelle Inspektion VII (1936) Quelle: Polizeiliche Ermittlungsakte, Landesarchiv Berlin

Kriminalassistent Wilhelm Nickel vom Homosexuellendezernat der Kriminalpolizei übernimmt die Ermittlung. Im Verhör gibt Kitzing zu, homosexuell veranlagt zu sein, bestreitet aber den Vorwurf gewerbsmäßiger Unzucht in Frauenkleidern. Da ihm keine Straftat nach § 175 StGB nachzuweisen ist und die Beleidigung des SS-Mannes Rank ohne Uniform keine Straftat darstellt, wird Kitzing am 11.06.1935 „nach energischer Verwarnung“ aus dem Polizeigefängnis entlassen.

Das Homosexuellendezernat sucht nun nach neuen Beweisen für eine Anklage, Kitzing wird von den Polizeistreifen besonders beobachtet. Auch eine Kontrolle der Wohnung am Kurfürstendamm findet statt. Im Bericht des Kriminalassistenten Hans Gülzow vom 06.07.1935 heißt es: „Kitzing hatte in seinem Zimmer einen braunen Damenmantel, sehr viele seidene Damenstrümpfe und zwei Damenperücken. Außer den genannten Sachen hatte er in seinem Schrank ein blaues Damenkostüm, welches ihm aber nicht passte und welches einer Bekannten gehören soll.“ Doch der private Besitz der Damengarderobe ist nicht strafbar, die von der Kriminalpolizei gesammelten Beweise reichen für eine Anklage nicht aus.

Am 04.03.1936 erhält die Gestapo die „vertrauliche Mitteilung“, in der Lutherstraße (heute Martin-Luther-Straße) und deren Querstraßen treibe „zur Nachtzeit ein männlicher Transvestit sein Unwesen“.  Für die zuständige Inspektion VII der Staatspolizeileitstelle ist Kitzing der Verdächtige: „Bei Kitzing handelt es sich um einen Transvestiten schlimmster Art, der nur von der männlichen Prostitution leben dürfte. Er ist zu wiederholten Malen auf Strichgängen angetroffen und eingeliefert. Es dürfte, falls Kitzing eine strafbare Handlung aus § 175a RStGB nicht nachgewiesen werden kann, seine Unterbringung in einem Konzentrationslager in Erwägung zu ziehen sein.“

Der Schutzhaftbefehl wird am 05.03.1936 erteilt, ein reguläres Ermittlungs- und Strafverfahren jedoch nicht eingeleitet. Ein Sammeltransport bringt Kitzing am 17.03.1936 in das Konzentrationslager Lichtenburg. Zwei Koffer mit Damenwäsche, die er bei seiner Festnahme trug, verbleiben in der Stapo-Dienststelle VII. 

Nach fast zwölfmonatiger Schutzhaft wird Kitzing am 02.04.1937 entlassen und in das Hausgefängnis des Geheimen Staatspolizeiamtes in die Berliner Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute Niederkirchner Straße 8, Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg) überführt. Einen Tag später wird er nach Hause in die Fürther Straße 12 in Berlin-Wilmersdorf entlassen. Seine beiden Koffer mit Damenwäsche werden ihm von der Gestapo ausgehändigt.

Die Staatspolizeileitstelle, Stapo VII K. ordnet „weitere notwendige Überwachungsmaßnahmen“ an und vermerkt: „Sollte erneute Schutzhaft erforderlich sein, bitte ich um Wiedervorlage, gez, Fehling.

Text: Bernd Grünheid

 

Schutzhaftantrag vom 04.03.1936

Schutzhaftantrag vom 04.03.1936 Quelle: Landesarchiv Berlin, Polizeiliche Ermittlungsakte Kitzing

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin, A Pr. Br. Rep. 030-02-05 Nr. 169 Polizeiliche Ermittlungsakte Fritz Kitzing