Bruno Erfurth, Exhibitionist und Transvestit

Schiedsmann Ernst Schippel, Schivelbeiner Straße 34 Ecke Schönfließer Straße, Berlin-Prenzlauer Berg, am 22.11.1944 in seiner Aussage auf dem Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz: „Ich ärgerte mich über das Benehmen des Mannes und bat einen sich auf der Straße befindlichen Parteigenossen, mir bei der Festnahme des Mannes behilflich zu sein.“

Schippel beobachtet um die Mittagszeit von einem Fenster seiner Wohnung einen Mann im langen Mantel, der am Rondell Arnimplatz an der Schivelbeiner und Schönfließer Straße auf die Schülerinnen der nahe gelegenen Berufsschule wartet, um vor ihnen seine darunter getragene Frauenbluse mit Büstenhalter und künstlichen Brüsten zu präsentieren. Schippel will einschreiten und erhält Hilfe von dem zufällig vorbeikommenden Koch Willi Liefke, geb. 03.07.1888 in Sellichow. Liefke erreicht den Unbekannten als erster und entdeckt eine Damenbinde, die aus dem Hosenschlitz des Mannes hervorschaut. Das Geschlechtsteil ist nicht zu sehen. Auf Liefkes Ausruf „Sie Schwein, was machen Sie hier?“ ergreift der Unbekannte die Flucht, direkt in die Hände des Schiedsmannes Schippel.

Auf dem 64. Polizeirevier in der Schönfließer Straße 18 entpuppt sich der Exhibitionist als der kaufmännische Angestellte Bruno Erfurth, geb. 04.01.1894 in Berlin, Die beiden Parteigenossen Schippel und Liefke erstatten pflichtbewusst Anzeige: „Im Sinne des § 183 RStGB.“

Bei der Durchsuchung Erfurths, der seinen Ehering am Finger trägt, stellt Hauptwachtmeister der Schutzpolizei Bruns 2 Damenblusen, 1 Büstenhalter, 1 Damenbinde in Behälter, 2 gestopfte Damenstrümpfe, 2 Polster, 1 Sammetkragen, 2 Damengürtel und 10 „unzüchtige Bilder“ sicher. Noch am gleichen Tag wird Bruno Erfurth in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz eingeliefert. In der Einlieferungsanzeige sind die ihm zunächst vorgeworfenen Delikte „Exhibitionismus und Transvestismus“ von dem diensteifrigen Kriminalbeamten des Reviers 64 handschriftlich um den Eintrag „Sittlichkeitsverbrecher“ ergänzt. Der Vermerk erfordert das Einschreiten der Kriminalgruppe S 1 der Kriminalpolizeileitstelle Berlin.

Bruno Erfurth

Versuch der Kriminalpolizei, Bruno Erfurth als kriminellen „Sittlichkeitsverbrecher“ zu stigmatisieren, der in die Vorbeugehaft des Konzentrationslagers gehöre. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Bruno Erfurth

Am 23.11.1944 wird Erfurth von Kriminalsekretär Schmidt vernommen. Schmidt vermutet, Erfurth sei ein homosexueller Transvestit und in Frauenkleidern auf der Suche nach Männerbekanntschaften. Er ordnet zugleich die Vernichtung aller beschlagnahmten Kleidungsstücke und Utensilien an. Erfurths Beteuerung, er sei ein verheirateter Familienvater mit 2 Kindern und keinesfalls homosexuell veranlagt, lässt der Kriminalsekretär nicht gelten. Er informiert die Kriminalgruppe Vorbeugung (Kr. Gr. Vorb.) über den Fall, da angeblich „Fortsetzungsgefahr“ besteht. Die Tatsache, dass Erfurth keine Vorstrafen hat, lässt Schmidt ebenfalls unberücksichtigt.

Das Antwortschreiben der Gruppe Vorbeugung der Kriminalpolizeileitstelle „an den Vernehmungsrichter im Polizeipräsidium“ folgt nur einen Tag später: „In jedem Falle der Entlassung wird um Rücksistierung des Beschuldigten für Kr. Gr. Vorb. gebeten.“ Für den Familienvater würde dies die Überführung in ein Konzentrationslager und damit seinen sicheren Tod bedeuten.

Doch der zuständige Richter am Berliner Amtsgerichtsrat Dr. Augustin entscheidet anders. Seine Begründung des Haftbefehls lautet „Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Erfurth wird am 27.11.1944 in die Untersuchungshaftanstalt Moabit eingeliefert. Die täglichen Haftkosten betragen 7,50 RM.

Bruno Erfurth liebt Frauenkleider, die er unter seiner Männerkleidung trägt und manchmal in exhibitionistischer Art und Weise vorzeigt. Ein „Sittlichkeitsverbrecher“ ist er nicht. Zur Zeit seiner Festnahme im November 1944 steht er als Abteilungsleiter bei der Schuhfirma Leiser kurz vor seinem 20-jährigen Dienstjubiläum. Sein Arbeitgeber bescheinigt ihm „unermüdlichen Fleiß“, fachliche Kompetenz und „in persönlicher Hinsicht untadelige Führung“. Erfurth erhält 255 RM Monatslohn und wohnt mit seiner Frau Jessie geb. Cocchi in der Oberseestraße 101, Berlin-Hohenschönhausen. Das seit fast 26 Jahren verheiratete Ehepaar hat 2 Kinder im Alter von 11 und 24 Jahren. Seine Frau weiß von seiner „anormalen Veranlagung“, toleriert sie aber nicht. Erfurth versteckt die Kleider und Utensilien, zieht sie sich heimlich zum Onanieren an, allein im Keller des Hauses. Die Kleidungsstücke stammen zum Teil aus dem Nachlass der verstorbenen Mutter Elisabeth geb. Spahn. Später kauft er sie über die Kleiderkarte seiner Tochter. Doch er möchte seine Weiblichkeit auch in der Öffentlichkeit zeigen.

Der „weiblich wirkende“ Bruno Erfurth soll bereits in der Pubertät begonnen haben, diese Vorliebe zu entdecken. 1919 registriert ihn die Kriminalpolizei als Transvestiten. Weil er in Frauenkleidern weder Männerbekanntschaften auf dem Straßenstrich sucht noch in der Nähe einschlägiger Lokale und Treffpunkte festgestellt wird, geht die Polizei von einer geistigen Behinderung aus. Erfurth wird „infolge dieser anormalen sexuellen Veranlagung zur Untersuchung gezogen“.

Ende der 1930er Jahre stellt Bruno Erfurth einen Antrag auf einen Transvestitenschein. Dazu muss er sich von Amtsarzt Dr. Weimann, Magistratsobermedizinalrat am Institut für gerichtliche Medizin und Kriminalstatistik begutachten lassen. Dieser stellt in seinem Gutachten vom 11. Dezember 1941 bei Erfurth „nervöse Übererregbarkeit und Nervenschwäche“ verbunden mit „körperlicher Minderwertigkeit und Unterentwicklung“ fest, schließt aber eine „homosexuelle Einstellung“ des Patienten aus. „Es besteht daher vom amtsärztlichen Standpunkt aus nicht der geringste Anlass, diesem transvestitischen unausgereiften Nervenschwächling zu gestatten, auch außerhalb seiner Wohnung Kleidung des weiblichen Geschlechts zu tragen.“

Ohne Transvestitenschein gerät Bruno Erfurth erneut ins Visier der Kriminalpolizei und erhält am 04.07.1942 die Auflage, sich nicht mehr in der Öffentlichkeit in Frauenkleidern zu bewegen. „Trotzdem konnte ich mich nicht beherrschen und habe dem Verbot zuwidergehandelt.“

Im langen, weiten Mantel und langer Hose, darunter verborgen die künstlichen Brüste, darüber eine Bluse, im Schlüpfer eine Damenbinde eingenäht, so traut er sich im November 1944 mit Angst vor polizeilicher Verfolgung in die Nähe der Berufsschule. Die Schülerinnen scheinen ihm kaum Beachtung geschenkt zu haben, denn von entsetzt kreischenden Mädchen ist weder in der polizeilichen Ermittlung noch in der am 05.01.1945 vor dem Berliner Amtsgericht stattfindenden Gerichtsverhandlung die Rede.

Bruno Erfurth, handschriftlicher
Brief an die
Staatsanwaltschaft

In einem handschriftlichen Brief an die Staatsanwaltschaft beim Berliner Amtsgericht bittet Erfurths Ehefrau Jessie um Gnade für ihren Mann. Quelle: Landesarchiv Berlin

Die Verhandlung gegen Bruno Erfurth findet „wegen Gefährdung der Sittlichkeit“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Erfurth wird von Rechtsanwalt und Notar Dr. Gerhard Mertz, Friedrichstraße 216, Berlin-Kreuzberg, verteidigt. Unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Kolbe wird Bruno Erfurth wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu einem Monat Gefängnis kostenpflichtig verurteilt. Die Strafe ist durch die Untersuchungshaft verbüßt. Er muss das Versprechen abgeben, nie wieder Frauenkleidung in der Öffentlichkeit zu tragen.

Am 05.01.1945 wird Bruno Erfurth nach Hause entlassen. Die drohende Rücksistierung ist ihm durch das nahe Kriegsende wahrscheinlich erspart geblieben.

Text: Bernd Grünheid

 

Arbeitgeber
„Leiser“ ergreift Partei

Auch Erfurths Arbeitgeber „Leiser“ ergreift Partei für den beliebten Kollegen und Angestellten. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Bruno Erfurth

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 341- 02 Nr. 6883 Amtsgerichts Strafsache Erfurth wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses 603 Ds 336/44