Artur Voelk

Gerichtsrat Thiemann am 06.10.1937 vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin: „Der Angeklagte ist seiner ganzen Persönlichkeit nach eine Gefahr für die Allgemeinheit und den Volkskörper“.

Artur Voelk

Am 27.01.1937 bei der Durchsuchung der Wohnung Auguststraße von der Gestapo beschlagnahmtes Foto von Voelk. Quelle: Landesarchiv Berlin, Strafakte Artur Voelk 1937

Artur Alfred Franz Voelk wird am 21.10.1903 in Berlin-Spandau geboren. Nach Abschluss der Gemeindeschule verdingt er sich als Bote in verschiedenen Betrieben. Voelk entdeckt seine Feminität, schneidert sich seine Damengarderobe selbst und trägt sie vermehrt in der Öffentlichkeit. Er gerät in das Visier der Polizei, die ihn 1922 in der Homosexuellenkartei vermerkt. Bis 1930 wird er bei Razzien immer wieder in Frauenkleidern in einschlägigen Lokalen festgestellt und unter dem Verdacht, „gewerbsmäßige Unzucht“ zu treiben, festgenommen. Doch die Beweise reichen für eine Anklage nicht aus. In den Vernehmungen gibt Voelk an, als Tischdame für die Unterhaltung der Gäste zu sorgen und sich somit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Homosexuell sei er nicht. Die Frauenkleidung trage er nur, weil er sich darin wohler fühle.

Doch die polizeiliche Beobachtung, Verfolgung und Strafandrohung zwingt Artur Voelk zur Änderung seines bisherigen Lebensstils. Er zieht in eine zweieinhalb Zimmer-Wohnung in der Auguststraße 72, Berlin-Mitte. Seine Damengarderobe und alle weiblichen Utensilien versteckt er auf dem Dachboden des Hauses. In der Öffentlichkeit tritt er als Transvestit nicht mehr in Erscheinung, den Besuch seiner einstigen Stammlokale meidet er.

Zur Sicherung seines Lebensunterhalts vermietet Voelk zwei Zimmer und richtet sich eine kleine Schneiderwerkstatt in seiner Wohnung ein. Seine Freunde und Bekannten kommen regelmäßig zu Besuch, um sich von ihm Kleidung anfertigen, ändern oder ausbessern zu lassen, auch Damenkleider. Zu ihnen gehört Helmut Bauch, geb. am 29.03.1903 in Neukirchen/Sachsen. Voelk hat ihn 1933 in einem Berliner Café kennenlernt. Bauch tritt unter dem Künstlernamen „Hella“ in Kabaretts als Tänzerin auf. Seine Kostüme lässt er sich von seinem Freund schneidern.

1928 war Bauch wegen „Widernatürlicher Unzucht“ zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt worden. Im späteren Polizeiverhör bestreitet er gleichgeschlechtliche Kontakte mit Voelk. Auch der jüdische Hausdiener Erich Peske, geb. 17.10.1911 in Falkenburg/Pommern (heute Polen), der 1935 mehrere Wochen als Untermieter in der Auguststraße 72 wohnt, verrät seinen Freund nicht. Er habe Voelk lediglich ab und zu Kleidungsstücke zum Ausbessern oder zum Ändern in die Wohnung gebracht. Im Juli 1936 wird Erich Peske wegen des Verdachts, sich als Strichjunge zu betätigen, am Bahnhof Friedrichstraße festgenommen und mehrere Monate in einem KZ in Schutzhaft genommen.

 

Barfußtänzerin „Hella“

Barfußtänzerin „Hella“ in der Charlottenburger Tanzdiele „Figaro“ Quelle: Die Freundschaft 1921 Nr. 44, Archiv des Schwulen Museums Berlin

Unwissentlich beherbergt Artur Voelk auch Denunzianten zur Untermiete, denen der häufige Männerbesuch in der Auguststraße 72 auffällt und die ihn an die Gestapo verraten. Ende Dezember 1935 erhält die Inspektion IV der Staatspolizeileitstelle Berlin ein Schreiben des  Obergebietsführers der Berliner Hitler-Jugend Axmann. Voelks Untermieter Alfred Kroé, geb. 27.04.1879, habe berichtet, dass sein Vermieter häufigen Besuch junger Männer erhalte und früher als „Strichjunge“ gearbeitet habe. Kroés Aussage wurde dem HJ-Führer von einem nicht genannten Informanten übermittelt. Axmann erstattet Anzeige gegen Voelk wegen Vorstoßes gegen § 175 StGB. Der von Axmann nicht genannte Informant ist Theodor Mendte, geb. 21.10.1885 in Bremerhaven. Mendte ist bis Januar 1936 ebenfalls Untermieter bei Voelk.

Als die Gestapo nicht gegen Voelk vorgeht, wendet sich Theodor Mendte erneut mit einem „vertraulichen Hinweis“ Ende Oktober 1936 an die Polizei. Er gibt den Wohlfahrtspfleger des Wohlfahrtsamts Berlin-Mitte, Blumenstraße 88, Zimmer 34, als weiteren Zeugen für die homosexuelle Veranlagung Voelks an und weist zugleich auf Voelks „besondere Vorliebe für weibliche Handarbeiten“ hin.

Kriminalassistent Ernst Harjes, Staatspolizeileitstelle Berlin B3, nimmt nun die Ermittlungen auf. Er befragt zunächst Voelks ehemaligen Untermieter Alfred Kroé. Für den arbeitslosen Artisten ist Artur Voelk „ein äußerst gerissener, verschlagener, arbeitsscheuer und verkommener Mensch“. Dieser habe ihm erzählt, als „Dame auf den Strich“ gegangen zu sein, kaum gearbeitet aber immer gut gelebt zu haben. Voelk habe auch behauptet, die Wohnung für gleichgeschlechtliche Orgien genutzt zu haben. Beweise liefert Kroé für seine Anschuldigungen jedoch nicht. Auch durch Befragungen weiterer Untermieter kann Harjes keine für eine Anklage ausreichenden Beweise gegen Voelk erbringen. Dieser streitet jegliche homosexuelle Beziehung mit Männern ab, begründet die häufigen Männerbesuche mit Aufträgen für seine Schneiderwerkstatt.

Harjes glaubt ihm nicht und lässt im Januar 1937 Voelks Wohnung beobachten. Dabei fällt ein junger Mann auf, der meist in den Mittagsstunden zu Besuch kommt. Die Ermittlungen ergeben, dass es sich dabei um den 1919 in Berlin-Reinickendorf geborenen Bäckerlehrling Bruno N. handelt, der bei seiner Mutter in Berlin-Mitte wohnt. Bei der Rückfahrt von einem Radausflug im Juli 1936 lernte er Voelk, der zu dieser Zeit ein halbes Jahr als Gefangenenhilfsaufseher im Strafgefängnis Berlin-Tegel arbeitete, kennen. Danach hatte Bruno ihn mehrmals in der Wohnung besucht und sich ins Theater und Kino einladen lassen. Zu unsittlichen Berührungen oder Unzuchthandlungen sei es nicht gekommen, beteuert N. bei einem Gestapo-Verhör im Februar 1937. Voelk habe ihm lediglich einmal am Oberschenkel gestreichelt, sei aber dabei selbst sehr erregt gewesen.

Am 27.01.1937 wird Voelks Wohnung von Kriminalassistent auf Probe Adler und Kriminalassistent Harjes durchsucht. Die Beamten des Gestapo-Homosexuellendezernats beschlagnahmen ein Foto von Voelk, das ihn als Frau mit Mantel, Perlenkette und Damenhut zeigt.

Um Voelk trotz gegenteiliger Zeugenaussagen doch noch „Widernatürliche Unzucht“ mit dem minderjährigen Bruno N. nachzuweisen, lädt Kriminalassistent Harjes am 01.02.1937 Voelks ehemaligen Untermieter Theodor Mendte, in die Stapoleitstelle B 3 vor. Mendte bekräftigt den in seinen beiden Anzeigen angedeuteten Eindruck über Voelk. Dieser sei „ein moralisch minderwertiger Mensch, der es sehr gut versteht, sich den Anschein eines biederen und anständigen Menschen zu geben.“ Voelk habe ihm gegenüber sexuelle Handlungen mit dem Bäckerlehrling Bruno N. zugegeben. Der Junge sei „wie Zucker“ gewesen. Nach einem Besuch des jungen N. habe Mendte „stets den Eindruck gehabt, als hätten sie sich geschlechtlich betätigt. Aufgefallen ist mir ferner, dass Voelk sich, wenn er mit dem Jungen ausging, stark schminkte und puderte.“ Nach einer Gegenüberstellung mit Voelk gibt Theodor Mendte am 17.02.1937 zu Protokoll: „Voelk hat mit dem Bäckerlehrling N. meines Erachtens bestimmt Unzucht getrieben. Die Äußerungen, die Voelk zu mir nach den Besuchen des N. bei ihm, mir gegenüber machte, lassen ganz deutlich erkennen, dass Beziehungen sexueller Art bestanden.“

Artur Voelk, der auch nach der Gegenüberstellung die Anschuldigung „Widernatürlicher Unzucht“ von sich weist, spürt die drohende Gefahr durch die Aussagen der Denunzianten. Er gibt die Wohnung in der Auguststraße 72 auf und zieht am 01.03.1937 zur Straße Am Tempelhofer Berg 4 in Berlin-Kreuzberg. Er ist hier Hauswart und arbeitet zusätzlich als Schließer bei einer Wachgesellschaft. Auch die Kreuzberger Wohnung wird von der Gestapo beobachtet, doch Voelk erhält hier keine Besuche.

Staatsanwalt Dr. Richter erhebt am 03.05.1937 Anklage gegen Artur Voelk. es kommt am 06.10.1937 zur Verhandlung vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin. Voelk wird wegen „Widernatürlicher Unzucht“ mit dem Bäckerlehrling Bruno N. zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Vor Strafantritt wird er zunächst nach Hause entlassen.

Eine Woche später, am 15.10.1937 nimmt ihn die Gestapo nach Durchsuchung seiner Wohnung fest. Die Vorwürfe lauten „Widernatürliche Unzucht“ und „Beihilfe zur Dienstflucht aus dem Reichsarbeitsdienst“. Im Juli 1937 hatte Artur Voelk den ihm seit 1934 bekannten Arbeitsmann Walter Besch, geb. 10.07.1917, in seiner Wohnung unentgeltlich beherbergt und ihm Zivilkleidung zum Schutz vor Entdeckung gegeben. Besch war am 28.06.1937 in Uniform vom Schöffengericht Berlin wegen Unterschlagung, Betruges und Urkundenfälschung verurteilt worden und anschließend nicht in das Arbeitslager „Brenkenhof“ Kreis Ruppin in Brandenburg zurückgekehrt. In der Wohnung seines Freundes Voelk Am Tempelhofer Berg kam es dann mehrmals zu gegenseitiger Onanie zwischen den Männern.

Am 28.01.1938 verurteilt das Berliner Schöffengericht Walter Besch wegen „Widernatürlicher Unzucht“ zu 6 Monaten Gefängnis. Voelk wird unter Einbeziehung des Urteils vom 06.10.1937 wegen Verstoß gegen § 175 StGB zu einer Gesamtstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Zwei Gnadengesuche, 1938 und 1940 gestellt von Voelks Mutter Wilhelmine geb. Strauß und seiner Schwester Anna, werden vom Generalstaatsanwalt am Landgericht Berlin abgelehnt.
Artur Voelk wird am 18.04.1941 nach Verbüßung seiner Strafe aus dem Gefängnis Berlin-Tegel entlassen. Sein weiteres Schicksal ist bisher unbekannt.

Text: Bernd Grünheid

 

 

Quellen

Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 131876 Strafakte Artur Voelk
Landesarchiv Berlin A Rep. 358-02 Nr. 63205 Strafverfahren 1938
Landesarchiv Berlin A Rep. 370 Nr. 19665 Gefangenenakte Artur Voelk